Kalifornien Roadtrip auf dem legendären Highway One

Zu Beginn tut sie so, als sei sie eine Nullachtfünfzehn-Nummer, eine Straße wie jede andere. Oben bei Olema, nördlich von San Francisco, schlängelt sie sich gemütlich des Weges. Schmucke Häuschen stehen im Grün, ein paar adrette Palmen, sonst nichts Auffälliges. Das soll er sein? Kaliforniens Highway Number One - die vielleicht berühmteste Küstenstraße der Welt?

Pontiacs, Cadillacs schlurfen dahin, es ist ein milder Tag, der auf der Haut schmeichelt, wenn man seinen Arm aus dem Seitenfenster hängt. Auch zehn Kilometer weiter südlich noch keine Spur von Größe, von Amerika im Breitformat und befahrbarer Grandezza. Dabei ist eben diese Straße Mythos. Kaum ein anderer Streifen Teer soll für so großes Kino sorgen wie die knapp 800 Kilometer lange Küstenroute zwischen Frisco und Los Angeles. "Dies", schrieb der Schriftsteller Robert Louis Stevenson, "ist die schönste Begegnung von Land und Ozean, die es auf der Erde gibt."

Gas geben. Gen Süden. Und dann, wie mit einem Wisch auf die Windschutzscheibe projiziert, kommt es. Die "Nummer eins" schleudert einem die Postkartenmotive auf einmal serienweise vor Augen; übereifrige Hobbyfotografen wissen kaum noch, was sie zuerst knipsen sollen. Die Golden Gate Bridge ragt vor dem Wagen in den Himmel, heute nicht nebelverhangen, sondern in sattem Rot gestrichen. In wie vielen Filmen war das Ding schon zu sehen? Und jetzt pilotiert man das Auto höchstselbst hier rüber!

In hohem Bogen spannt sich die Überführung über die Bucht, unten an den Aussichtspunkten Japaner, Europäer, Weitgereiste. Es steht dort auch ein Amerikaner, kurze Hose, schlank mit Schnurrbart, und er spricht, Digi-Cam in Händen, einen herrlichen Satz: "Ich werde mir diese Brücke zwei mal zwei Meter groß übers Bett hängen, die Rosen meiner Frau kommen in die Garage.

Und schon folgen die nächsten Motive. Linkerhand ragt ein heller Fels aus der Bucht, nicht irgendeiner wohlgemerkt, sondern: Alcatraz! Das da unten ist sie wirklich, die berühmteste aller Gefängnisinseln, heute ein Touristenmagnet. Der Blick saust weiter. Nun türmt sich San Francisco im Hintergrund auf, nicht wenige halten dies für die schönste Stadt der Staaten. Fisherman’s Wharf, die wolkenkratzenden Banken in Downtown, Nob Hill, die Twin Peaks.

San Francisco verschwindet schnell im Rückspiegel

Kaum von der Golden Gate runter, biegt die "Eins" mitten in die Stadt ein - nur unweit von Chinatown und Height Ashbury, jenem noch heute bunten Viertel, das in den 1960er Jahren das Epizentrum der Hippies war. Genau hier sangen die Beatniks ihre ersten Gedichte in die Welt, hier wohnten Janis Joplin, die haschbeseelten Friedenspoeten. Heute gibt sich die Peace-Gegend gemäßigter, moderner. Es wird geshoppt und flaniert, bei Café Latte und Jack-Johnson-Nummern. Doch San Francisco verschwindet schnell im Rückspiegel. Der Highway Number One zieht den Fahrer mit seltsamer Kraft gen Süden.

Viel ist schon geschrieben worden über diese Straße. Bücher, Bände, Poesie. Doch was macht den Reiz dieser irren Route aus? Vielleicht dies: Sie ist nämlich so eine Art Verwandlungskünstler. Mal gibt sich die Strecke als urbane Meile, mal als Landstraße, dann wieder zeigt sie sich als großspuriger Highway, als Brücke oder zieht sich als staubige Küstenpiste dahin - in dieser Vielfalt bahnt sich die Nummer 1 die Westküste der USA hinunter. Eine Straße als Kaleidoskop eines riesigen Landes.

Nach Frisco wird es ruhig, Vögel zwitschern auf schiefen Telefonleitungen, der Asphalt schwarz und heiß. Ein Ortsschild verheißt nun trefflich Größe: "Pacifica", was für ein Name!, und daneben endlich auch das grüne Straßenschild, das von nun an alle paar Meilen als Etikett der Traumroute dienen wird – gestatten: "California one". Die Tachonadel hat sich bei 30, 40 Meilen eingespielt, schneller sollte hier auch keiner fahren, denn dies wäre Sünde. Rostbraune Hügel ziehen sich links der Route entlang, die Erde sonnengegerbt, doch dann, jäh und trunken, fällt der Blick erstmals in die ganz große Weite. Und vielleicht beginnt sie hier erst so richtig, diese Straße des Meeres, denn dies ist sie vor allem.

Straße und Meer sind Weggefährten

Der Pazifik blitzt auf. Erst als schmaler Streifen, aber eine Kurve weiter thront er unverbaut vor dem Wagen, endlos, gewaltig: der Stille Ozean, größtes Meer des Planeten. Das Wasser ist metallicblau, bis zum Horizont von Millionen Reflexionen übersät, und von nun an wird einen die See auf der Fahrt nach Süden begleiten. Ab hier sind Straße und Meer Weggefährten. Das wirkt irgendwie beruhigend. Auf jeden Fall betörend. Der Pazifik. Groß, übermächtig.

Die Orte am Wegrand werden kleiner. Die Straßen tragen hübsche Namen, Surf Street, Ocean Drive. Unten an der Pier von Pacifica stehen Mexikaner vor ihren Angeln, andere inhalieren einfach nur die Sonne. Gleich daneben, schief an ein Geländer gestreckt, lehnt Mister Filson, Rentner in pinkfarbenen Hosen, mit Strohhut auf dem Kopf. Filson geht einem etwas seltsamen Hobby nach. Filson füttert dicke, fette Krähen. "Es sind schöne Tiere, die Krähen sind die Vögel dieser Küste." Recht hat Mister Filson. 100 Kilometer weiter im Norden streifte der Highway One noch den kleinen Ort Bodega Bay. Genau hier drehte Hitchcock den Horrorklassiker "Die Vögel", eben - mit diesen schwarzen Krähen, die die Number One überflattern wie Maskottchen.

Weiter gen Süden. An Half Moon Bay vorbei, Pescadero, Pedro Point. Das Autofahren gerät zum Schweben. Rechts kippen die Felsen ins Meer, dazwischen immer wieder: Strände über Strände! Ein hellbrauner Saum dekoriert die Strecke, feiner Sand, auf den die Wellen spülen. Hier und da ein Kajaker, ein Kitesurfer, aber das war’s. Auf 20 Kilometer sind gerade mal zehn Menschen auszumachen, die sich diese hübschen Fleckchen teilen. Deutschland? Da wär’s längst proppevoll! Doch dies ist Amerika, und so langsam schenkt einem diese Straße immer mehr, was dieses Land ausmacht. Seine Größe, Weite.

Auf einmal tauchen überall diese gelben Flecken am Straßenrand auf. Knallgelb und hellorange leuchtet es immer öfter in die Seitenfenster des Wagens. Es sind Pumpkins. Kürbisse! Zu Tausenden türmen sich die bunten Bälle am Wegrand auf, vor den Feldern, vor kleinen Ständen und Buden. Noch vier Wochen sind’s bis Halloween. "Nein, nein, wir essen die nicht!", sagt Leo Schmitz. "Wir sind Amerikaner, wir schnitzen Fratzen hinein und machen aus den Kürbissen Monster."

Das Fahren wird zum Fliegen, das Auto zum Flugzeug

Schmitz, 64, steht vor einem rostzerschundenen 49er Ford Pick-up-Truck, er ist ein alter Hase, was den Highway Number One angeht. In genau diesem Wagen lernte er früher das Autofahren, ein Knirps mit 14 war er, und schon damals fuhr er die Kürbisse über diese Straße zu den Verkaufsständen, wenn das Halloween-Fest nahte. Was hat sich geändert in all den Jahren? Schmitz überlegt. "Die Sheriffs fahren heute schnellere Autos!" Er sagts’s und lacht mit dickem Bauch. Ansonsten aber sei vieles so geblieben. "Ich liebe diese Straße, bis heute. Hier hast du deine Ruhe. Du kannst fahren, fahren, fahren. Und gucken, gucken, gucken." Sehfahrt. Auch dies bedeutet diese Straße. Windschutzscheibe mit Bilderbuchkino.

Highway Number one von San Francisco nach L.A.
Marc Bielefeld
Das Meer ist der ständige Begleiter auf der Tour.
Am nächsten Morgen spannt sich ein blassblauer Himmel übers Land. In Monterey, berühmt durch seine Musikfestivals, waren die Jogger schon um sechs auf Achse, die Promenade frisch gefegt. Und das kleine feine Carmel by the Sea, mit seinen Villen und den Millionären, döste noch. Bis auf die Golfer freilich. Doch nun folgt die nächste Hauptvorstellung dieser Straße, Galashow. Knapp hinter Bixby Creek legt sich der Apshalt in Kurven, steigt an, man gerät in die Wolken, die Wolken lösen sich auf, ein Condor segelt auf Augenhöhe entgegen. Ab hier nun wird das Fahren zum Fliegen, das Auto zum Flugzeug. Blick aus dem Fenster: Weit unten tut sich Big Sur auf - jener Küstenstrich, der diese Route berühmt gemacht hat wie nichts anderes.

Und jetzt kracht es einem förmlich entgegen, dieses irrwitzige Rendezvous zwischen Meer und Erde. In langen Wellen schiebt sich der Ozean an die Küste, der Pazifik hebt und senkt sich, schickt spritzende Gischt die Felsen empor. Das Meer atmet salzige Luft aus, einen Sprühnebel, der die Flanken hochkriecht und sich auf die Straße legt. Klippen, Steilküste, zerfranste Buchten, so weit das Auge reicht. Unten nach Pfeiffer Beach biegt die Straße ab, und dann steht man mittendrin: schaumtosendes Meertheater! Die Menschen liegen am Strand, stehen, träumen. Dies also ist es, das raue, wunderschöne Ende Amerikas.

Welche andere Straße der Welt schafft das? Ein Gleiten durch immer andere Bilder, große Szenarien. Wobei die Menschen die "One" auf verschiedenste Weise erleben. Wie die beiden Deutschen Max und Petra, die mit ihrem Wohnmobil schon zwei Wochen hier unterwegs sind, weil "wir an jeder Ecke stehen bleiben müssen, um diese Ausblicke auf uns wirken zu lassen".

Angekommen in der Zone des Endless Summer

In Santa Barbara mündet die Straße in die amerikanische Riviera. Szenenwechsel, mal wieder. Haushohe Palmen biegen sich im Abendrot, Pärchen schweigen in den Sonnenuntergang, derweil die Skateboarder durch die Parks preschen. Spätestens hier beginnt nun auch dies, das liebliche Kalifornien. Das Kalifornien der heißen Sonne, der Lebenskünstler und ewigen Badeschlappen. "Easy going, here we go." So nennt es ein Schild vor dem Pier in den Pazifik.

Und schließlich kreuzen auch diese Geschöpfe die Straße, ab sofort die Signatur der Route: die Surfer. Wie schwarze Punkte dümpeln sie zu Hunderten im Meer, auf der Suche nach der besten Welle des Tages, der Woche, des Jahres, des Lebens. Das Brett unterm Arm laufen sie jetzt neben Ampeln, über Parkplätze, ja marschieren sogar mit Planke im Arm durch die Supermärkte. Dies ohne Zweifel ist sie, die Zone des Endless Summer, Santa Monica, Malibu - und auch diese Kultorte durchschneidet die "Nummer eins" wie eine Ader durch buntes Leben.

Gut 700 Kilometer sind verstrichen, doch der Höhepunkt, Hollywood lässt grüßen, folgt zum Schluss. Und so führt einen die Straße denn auch direkt nach L.A., nach Venice Beach, direkt an die Protzmeile der Supermetropole, dahin, wo die Freaks und Körper-kultler das Leben inszenieren. Der Weg ist simpel. Immer gerade aus, bis die Nachmittagssonne schräg durch die Häuserblocks fällt, das Remmidemmi nicht mehr zu übersehen, die Musik nicht mehr zu überhören ist. Rechts abbiegen. Den Wagen parken. Zwei Minuten gehen. Und Vorhang auf!

Ein blutender Sonnenuntergang und weiße Brandung

Basketballer mit glänzenden Oberkörpern drehen sich im Gegenlicht, Skater und Biker tänzeln unter Palmen, die iPods in den Ohren, und unten am Muscle Beach stemmen die 150-Kilo-Kaventsmänner die Eisen, bis die Muskeln zu Bergen anschwellen. Zu Tausenden strömen sie hier, nackte Haut und lange Beine, die letzten Tatoos frisch auf Rücken und Arme gestochen. Nichts, was hier noch verblüfft, weder der sonnenschirmbewehrte Geldautomat auf Rollen, noch das T-Shirt der peroxydblonden Cheeseburger-Frau, auf deren weit ausladender Front das Bekenntnis thront: "I put Ketchup on my Ketchup."

Doch dann kommt Leroi des Weges gerollt. Leroi ist auf Rollerskates unterwegs, Marke Eigenbau, er trägt Turban mit Cappy drüber, Leroi hat sich Eishockey-Schoner umgeschnallt, um seinen Körper baumeln diverse Ledertaschen, Bändsel, Verstärker, Leroi hat die Hautfarbe eines Negerkusses, er grinst, trällert, schreit und singt. Leroi ist, wenn mal so will, das verrückteste Gefährt, das der Highway Number One zu bieten hat. Denn um seinen Hals hängt obendrein eine Gitarre, eine alte, rumpelige Stratocaster, und dann spielt er los. Und wie er spielt! Dieser mitten durch Venice Beach wirbelnde Derwisch mit Nachbrenner. Ein Jimi Hendrix auf Rollen oder ein rollender Jimi Hendrix, wie man’s nimmt. Die Leute lieben es. Kalifornien in Bestform.

Doch diese Tour endet nicht etwa mit einem Song, nicht mit einem Bild. Sie endet auch nicht mit grandioser Natur, den Surfern und dem Meer. Sie schließt mit allem zusammen: Mit einem blutenden Sonnenuntergang und weißer Brandung, mit dem lilafarben in den Nachthimmel blinkenden Riesenrad des Santa-Monica-Pier, sie endet mit tanzenden Silhouetten, einer sirrenden Menschenmasse und dem schwarzen, aufgeplatzten und noch immer heißen Asphalt. Kein Wunder, dass dieses Pflaster so berühmt wurde. Es ist nun mal eine Nummer für sich.

Autor

Marc Bielefeld