Kalifornien Mit Clint Eastwood in San Francisco

Rom wurde auf sieben Hügeln erbaut. Das ist gar nichts im Vergleich zu San Francisco. 44 Hügel bestimmen die Topographie der Stadt; der höchste ist der Mount Davidson mit 283 Metern über dem Meeresspiegel. Der Begriff "Berg" ist leicht übertrieben, doch von unten betrachtet, also von der Pazifikseite oder der Bay of San Francisco, mutet die Erhebung sehr steil an, zumal sich ihr Gipfel oft in Nebelschwaden befindet. Der Hügel mit dem ihn umgebenden Mount Davidson Park ist die geografische Mitte der Stadt. Eigentlich heißt er ja Blue Mountain, doch als ein gewisser Adolf Sutro 1881 das Gelände kaufte, benannte er es nach George Davidson, einem der Gründungsmitglieder des Sierra Clubs, der ältesten, größten und einflussreichsten Umweltorganisation der USA. Sie wurde 1892 in San Francisco gegründet.

Selbstredend ist die Aussicht vom Mount Davidson mit die beste, die "Frisco" zu bieten hat. Stadt, Bucht und Pazifikküste liegen einem zu Füßen. Und wenn die Nebel sich gelichtet haben, sieht man oben auf dem Gipfel ein gewaltiges Betonkreuz aufragen; es ist über 31 Meter hoch. An Ostern wird um das illuminierte Kreuz bei Sonnenaufgang ein Gottesdienst zelebriert, der früher im Fernsehen landesweit übertragen wurde. Dann klagten verschiedene Organisationen, darunter auch der American Jewish Congress, gegen eine vermeintliche Verquickung von Kirche und Staat, die Stadt San Francisco musste das Kreuz verkaufen.

Es wurde für 26.000 Dollar an den Council of Armenian American Organisations of Northern California versteigert, eine Vereinigung der Exilarmenier, die mit dem Kreuz und einer Gedenktafel des Völkermords an den Armeniern im Jahr 1915 gedenken. Auf der Tafel steht ein bemerkenswerter Satz des armenischen Schriftstellers Avedis Aharonian (1866-1948): "Wenn das Böse ignoriert wird, wenn es unsere eigenen Kinder vergessen, dann haben wir die Vergessenheit verdient und die Verachtung der Welt."

Böse Zungen behaupten, dass dieses Kreuz auch ein Mahnmal gegen das Böse in der Stadt sei, gegen die wachsende Kriminalität und die Straßenprostitution, die in San Francisco blühe wie in keiner anderen amerikanischen Großstadt. Es heißt, die Polizei schaue einfach weg, und manche wünschen sich einen knüppelhart durchgreifenden Bullen, einen richtigen "Dirty Harry". "Dirty Harry" ist eine fiktive Brutalo-Figur von San Francisco. Ein Polizist, der das Gesetz bis zur Gesetzlosigkeit auslegt und lieber einmal zu viel schießt als zu wenig. Der Regisseur Don Siegel dreht 1971 den ersten Kinofilm dieser berühmten Reihe in San Franscisco, und unter dem riesigen Kreuz vom Mount Davidson kommt es zum Showdown zwischen dem Mörder Scorpio und Inspector Harry Callahan, dem "Dirty Harry".

Surfen vor der Golden Gate Bridge
San Francisco Travel Association/Scott Chernis
Freizeit muss sein: Surfen vor den Toren San Franciscos.
Die Figur des Psychopathen Scorpio ist auf den Zodiac-Killer zurückzuführen, der im San Francisco der späten 1960er-Jahre wahllos Menschen umbrachte und nie gefasst werden konnte, während die Stadt im haschischumnebelten Flowerpower-Rausch der Hippies tanzte. Für die Rolle des "Dirty Harry" war zunächst Frank Sinatra vorgesehen. Als der sich an der Hand verletzte, standen Steve McQueen, Paul Newman und John Wayne auf der Liste des Regisseurs. Schließlich engagierte Don Siegel Clint Eastwood für die Rolle des Inspectors Callahan. Es war die mit Abstand beste Wahl.

Clint Eastwood wechselte die Schulen wie andere die Hemden

Clint Eastwood wird am 31. Mai 1930 in San Francisco geboren. Es ist die Zeit der Großen Depression. Die Familie muss häufig umziehen, denn der Vater zieht wie Millionen anderer Amerikaner von Job zu Job. Clint und seine vier Jahre jüngere Schwester Jeanne wachsen zeitweise auf der Hühnerfarm seiner Großmutter in Sunol auf. Bevor sich die Familie in Oakland endgültig niederlässt, wechselt Clint die Schulen wie andere die Hemden, zuletzt die Oakland Technical Highschool, die er 1948 ohne Abschluss abbricht. Bevor er mit Beginn des Koreakriegs zum Militär geht, jobbt er als Holzfäller, Waldfeuerwehrmann, Heizer, Lagerarbeiter, Golf Caddy, Tankwart und Rettungsschwimmer.

Die Golden Gate Bridge.
San Francisco Travel Association/Scott Chernis
Das Wahrzeichen San Franciscos: die Golden Gate Bridge.
Letzterer Tätigkeit hat er vermutlich sein Leben zu verdanken, denn 1951 - Clint ist schon in der Army - stürzt er mit einem Douglas AD-Bomber bei Point Reyes in den Pazifik. Der Pilot und der junge Eastwood können sich aus dem sinkenden Wrack befreien. Sie müssen über fünf Kilometer schwimmen, bevor sie aus dem Ozean gefischt werden. Danach wird Eastwood als Schwimmlehrer nach Fort Ord versetzt. In der Army lernt er den Schauspieler David Janssen kennen, der ab 1963 als Dr. Kimble in der TV-Serie "Auf der Flucht" weltweite Berühmtheit erlangt. Janssen rät dem 1,93 Meter großen, attraktiven, aber sehr schüchternen Eastwood, es als Schauspieler zu versuchen. Der überwindet seine angeborene Introvertiertheit und nimmt in Hollywood Schauspielunterricht. Er schlägt sich mit kleinen Rollen durch, nichts Halbes, nichts Ganzes. Schließlich landet er 1959 beim Fernsehen.

Der Rest ist hinlänglich bekannt: Ab 1964 engagiert Sergio Leone Clint Eastwood für seine Italo-Western, in den USA setzt er sich mit seinen Filmen "Hängt ihn höher" und "Coogan's großer Bluff" - Regie: Don Siegel - durch. Mit den "Dirty Harry"-Filmen etabliert er sich endgültig in der ersten Garde der Superstars. Gleichzeitig zeigt Clint Eastwood seine intellektuelle Wandelbarkeit. Ab 1971 arbeitet er auch als Regisseur und Produzent. Sein Genre sind keineswegs nur Schlag-tot-Filme, sondern auch zeitlose Werke von zarter poetischer Dichte wie etwa "Die Brücken am Fluss" oder kraftvolle Dramen wie "Mitternacht im Garten von Gut und Böse" und "Gran Torino". Als Schauspieler nimmt er nur noch Filmprojekte an, wenn der Regisseur oder Produzent auch Clint Eastwood heißt. Und wieder ist er äußerst erfolgreich: Für "Erbarmungslos" (1992) erhält er jeweils einen Oscar für die Regie und Produktion; den gleichen Erfolg wiederholt er mit "Million Dollar Baby" (2004).

Graffiti in den Straßen von San Francisco
San Francisco Travel Association/Scott Chernis
Kunst in den Straßen von San Francisco.
Clint Eastwood als Musiker

In seinem Wohnort Carmel-by-the-Sea, einer wild romantischen Künstlergemeinde am Pazifik etwa 190 Kilometer südlich von San Francisco, betreibt er die Mission Ranch, ein Hotel mit Restaurant, Tennisplätzen und Schafkoppel, der sensibel der Landschaft angepasst wurde. Manchmal können die Gäste einen ganz anderen Clint Eastwood kennenlernen - den Musiker. Die Jazzmusik ist nicht nur ein Hobby. Bereits in seiner Jugend hat Clint Eastwood als singender Cowboy einige Platten aufgenommen. Er singt in Musicalfilmen, und für den Soundtrack zu "Vollgas nach San Fernando" tritt er sogar zum Duett mit Ray Charles an. In "Honkytonk Man" spielt er einen Countrysänger und singt auch selbst, ebenso im Film "Mitternacht im Garten von Gut und Böse", in dem er den Jazz-Song "Accentuate the Positive" intoniert. Seine vielfältigen Talente hat er an seine Kinder vererbt: Alison Eastwood ist Regisseurin und Schauspielerin, Scott Eastwood ebenfalls Schauspieler, und Kyle Eastwood ein bekannter Jazzmusiker, der bisweilen mit dem Vater musiziert.

Seine Liebe zur Musik treibt ihn so oft es geht in seine Heimatstadt San Francisco. Dann macht er seine übliche Tour: ein bisschen essen, ein bisschen gucken, gute Musik hören. Und alles zu Fuß. "Von Nob Hill, wo früher die reichen Leute, die Nobs, wohnten, haben Sie einen spektakulären Blick auf die Stadt", verrät er den Lesern der Londoner Zeitung "Daily Mail". Er geht dann auf ein paar Quesadillas und ein Bier in ein Café, auf ein einfaches Fischgericht zur Fisherman's Wharf 11 oder nach Chinatown. "Dann sollten Sie in das Mark Hopkins Hotel gehen. Von der Dachterrasse haben Sie einen Blick, der Ihnen den Atem nimmt. Und in der Lobby sitzt ein Kerl am Klavier, der wirklich groß aufspielt."

Meist geht Clint Eastwood noch ein paar Blocks weiter bis zur Glide Church 13 und lauscht ergriffen dem Sound des gesungenen Evangeliums. Für ihn ist das in San Francisco so unumgänglich "wie Orangensaft und Kaffee am Sonntagmorgen". Niemand kommt auf die Idee, dass da ein Mann sitzt, dem tief drinnen der erbarmungslose "Dirty Harry" innewohnen könnte.

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Die Geschichte ist ein Auszug aus dem Buch , erschienen in der Reihe porträts. Autorin Bettina Winterfeld führt auf den Spuren 20 prominenter Persönlichkeiten durch die kalifornische Stadt. Dazu gibt es konkrete Adressen und eine Karte zur Orientierung. 

Weitere porträts gibt es für Barcelona, Berlin, London, München, New York, Paris, Prag, Rom, Venedig, Zürich, Dublin, Hamburg, St. Petersburg, Stockholm und Wien.

Autor

Bettina Winterfeld