Neuseeland Eine Reise nach Mittelerde

Seit 2001 der erste Teil der "Herr der Ringe"-Trilogie in die Kinos kam, ist Neuseeland vielen auch als "Mittelerde" bekannt. Echte Hobbits trifft man hier zwar nicht, trotzdem gibt es während einer Reise auf der Spur des Ringes einiges zu entdecken. Ein Besuch zu Neuseelands Drehorten von "Herr der Ringe".

Das ist er also, der eine Ring! Schwer und matt schimmernd liegt er in meiner Hand. Golden ist er, und ganz schlicht. Dabei müsste dort eigentlich etwas stehen. Eine feuerrote Inschrift aus Runen, so wie in J.R.R. Tolkiens "Herr der Ringe"-Trilogie und Regisseur Peter Jacksons Filmen: "Ein Ring, sie zu knechten, sie alle zu finden, ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden." Aber die Oberfläche meines Schatzes bleibt makellos. Der Ring und ich befinden uns in Jens Hansens kleinem Juwelierladen auf der Südinsel Neuseelands. Für die Herr der Ringe-Filme wurden genau hier (und nicht, wie bei Tolkien, in den Feuern des Schicksalsberges!) gleich 40 Varianten des weltberühmten Schmuckstücks hergestellt - vom kleinen Hobbit-Ring bis zur vergoldeten Stahl-Ausgabe mit 20 Zentimetern Durchmesser.

"Mein Vater kannte und liebte Tolkiens Trilogie und war sehr aufgeregt, als er hörte, dass Peter Jackson sie in Neuseeland verfilmen würde", erzählt Halfdan Hansen. "Dann kam plötzlich ein Anruf: Er wurde gefragt, ob er den Film-Ring schmieden wolle. Er war außer sich vor Freude und fühlte sich sehr geehrt. Peter Jackson wählte den Ring aus 15 unterschiedlichen, eigens für ihn angefertigten Prototypen aus. Die finale Version ist doppelt so schwer wie ein normaler Ring aus Gold." Mittlerweile haben Halfdan und sein Bruder Thorkild - beides Namen nach Tolkiens Geschmack - das Geschäft ihres Vaters übernommen. Der Verkauf der Film-Ringe macht etwa ein Viertel ihres Umsatzes aus. Jeden Tag geht mindestens eines der beliebten Kleinodien über den Ladentisch.

Wo geht es denn hier nach Mordor?

Dabei brachte das Schmuckstück, das seine Träger zwar unsichtbar macht und langsamer altern lässt, Tolkiens Helden in den Büchern und ihren Verfilmungen nicht sonderlich viel Glück. Die zwei Hobbits Frodo Beutlin und Samweis Gamdschie müssen sich immer wieder neuen Gefahren stellen, als sie durch Mittelerde alias Neuseeland losziehen, um den von bösen Mächten geschmiedeten Ring zu zerstören. Schon kurz nach ihrem Aufbruch aus der Heimat werden die beiden von schwarzen Reitern - den Ringgeistern - verfolgt. Zum ersten Mal begreifen sie, auf was sie sich eingelassen haben. Gerade noch rechtzeitig können sie sich unter einer Baumwurzel verstecken. In Wirklichkeit liegt eben diese Wurzel in einem kleinen Pinienwald in der Nähe von Neuseelands Hauptstadt Wellington. hat mich hierher gebracht und führt mich zu den noch erhaltenen "Herr der Ringe"-Drehorten. Ohne ihn wäre ich aufgeschmissen, denn fast alle Filmplätze mussten nach Drehschluss wieder in ihren ursprünglichen Zustand zurückgeführt werden.

Die Festung Helms Klamm und die Stadt Minas Tirith beispielsweise ließ Peter Jackson nur einige Kilometer weiter in einem Steinschlag bauen - heute ist von beiden nichts mehr zu erkennen. Auch in Bruchtal, Heimat der Elben in Mittelerde, erinnert kaum mehr etwas an "Der Herr der Ringe". Die endemischen Baumarten, die für die Dreharbeiten weichen mussten, wurden erneut angepflanzt, um dem Kaitoke Regional Park nördlich von Wellington sein ursprüngliches Aussehen zurückzugeben. Phil erzählt, dass sich besonders viele Teilnehmer vor einem Baum fotografieren lassen, unter dem im Film der Elbe Legolas zu sehen ist. Seine Erzählungen machen Lust, die Trilogie noch einmal anzusehen, um zu sehen, welche Drehorte in Neuseeland ich wiedererkenne.

Gandalf
Melanie Maier
Der Zauberer Gandalf.
Einen kleinen Vorgeschmack darauf hatte ich bereits während des Fluges nach Neuseeland. Die stimmt mit einem exklusiven ein. Elben und Hobbits zeigen, wo die Schwimmwesten verstaut sind, Zauberer Gandalf ist Pilot. Der Kurzfilm entstand in Zusammenarbeit mit den , die auf meiner Reise durch Neuseeland natürlich nicht fehlen dürfen. Richard Taylor und Tania Rodgers gründeten das Unternehmen 1987, das heute einen beträchtlichen Teil von Wellingtons Vorstadt Miramar einnimmt und Blockbuster wie "Avatar" und "Die Chroniken von Narnia" mit Spezialeffekten und Requisiten ausstattet. Für "Der Herr der Ringe" schufen die Grafikdesigner über 40.000 Gegenstände, darunter Hobbit-Füße, Waffen und allerlei Kleidungsstücke. Doch auch der eine Ring wurde - im wahrsten Sinne des Wortes - von Weta geprägt: mit seiner elbischen Runen-Inschrift. Sie wurde in der Nachproduktion als Spezialeffekt in die Filme eingefügt.

Das Auenland – ein Stück heile Welt in Mittelerde

Als Bilbo Beutlin das glitzernde Schmuckstück in "Der Hobbit" auf dem felsigen Boden einer Ork-Höhle entdeckt und unbedarft in seine Tasche steckt, weiß er nicht, dass dieser Ring sein Leben und das seines Neffen Frodo für immer verändern wird. Überhaupt ahnt der Hobbit wenig von den Abenteuern, die auf ihn warten, als der Zauberer Gandalf ihn einige Monate zuvor im Ort "Hobbingen" besucht und auf Wanderschaft einlädt. Bis dahin verläuft sein Leben hier, im grünen und geruhsamen Auenland, wo Hobbits in weitläufigen Höhlen unter der Erde leben, noch in geregelten Bahnen.

Ein Rundgang durch Hobbingen.
Melanie Maier
Hobbit-Höhle in Hobbingen: Die runden Holztüren haben verschiedene Farben, die liebevoll angelegten Vorgärten sind individuell gestaltetet.
"Das ist Beutelsend, Bilbos Heim", sagt Henry Horne und zeigt auf den runden Eingang einer Hobbit-Höhle, die sich unter einer ausladenden Eiche an einen Hügel schmiegt. Neun Steinstufen führen zu der dunkelgrünen Holztür, an ihrer Seite blühen gelbe Margeriten und lilafarbene Löwenmäulchen. Eine kleine Bank steht am Fuße der Stufen – hier fand Bilbos und Gandalfs Begegnung statt. Beutelsend ist aber nur eine von insgesamt 44 Hobbit-Höhlen, die verstreut auf dem welligen Farmland der Alexander-Familie liegen. Das 500 Hektar große Gelände bot einmal Platz für mehr als 13.500 Schafe. Auch heute noch besitzen die Alexanders Schafe, aber sie sind längst nicht mehr auf den Ertrag ihrer Wolle angewiesen. "An manchen Tagen kommen bis zu 2000 Touristen zu diesem Drehort in Neuseeland", bemerkt Henry Horne. "Überraschenderweise haben 35 Prozent von ihnen die Filme gar nicht gesehen - sie kommen nur wegen der Bücher. Seit der Premiere des Hobbits stiegen die Besucherzahlen sogar noch einmal um 300 Prozent."

Henry Horne ist Marketingmanager von , des größten begehbaren Filmsets der Welt. Er führt mich herum und erzählt mir die Entstehungsgeschichte des kleinen Dorfes. 1999 einigten sich Peter Jackson und die Alexanders darauf, 37 Hobbit-Höhlen zu errichten und diese nach Ende der Dreharbeiten für "Der Herr der Ringe" wieder abzumontieren. Zum Glück verhinderten schwere Regenfälle, dass die Bagger alle Hobbit-Behausungen niederrissen. 17 Höhlen blieben bestehen und schon kurz nach der Uraufführung des ersten Teils der Filmreihe kamen auch die ersten Fans ungefragt auf das Gelände, um den Drehort mit eigenen Augen zu sehen. Die Alexanders entschieden sich dafür, das Set nach dem Wiederaufbau 2009 für das Prequel "Der Hobbit" dauerhaft für Besucher zu öffnen.

Hobbingen auf der Südinsel Neuseelands.
Melanie Maier
Der Spaziergang durch "Hobbingen" ist ein Ausflug in eine heile Welt. Alles ist grün und blüht.
Der Spaziergang durch "Hobbingen" ist ein Ausflug in eine heile Welt. Alles ist grün und blüht, in den Obstbäumen zwitschern Vögel, Hummeln und Schmetterlinge schwirren umher, Zirpen erfüllen die Luft mit ihrem Klang. Keine zwei Hobbit-Höhlen gleichen einander – ihre runden Holztüren haben verschiedene Farben, ihre kleinen, liebevoll angelegten Vorgärten sind individuell gestaltetet. Sieben Vollzeit-Gärtner gibt es im Auenland, sie achten auf jedes Detail: Kamine ragen aus der Erde empor, in den Fenstern stehen Blumenvasen und Pfefferstreuer, an den Wäscheleinen hängen Kleidungsstücke. Nur die Hobbits fehlen. Am Ende des Rundgangs erfrischen Henry Horne und ich uns bei einem kühlen Cider im "Grünen Drachen". Das verwunschene Restaurant öffnete Ende 2012 seine Türen. Dort können die Besucher schlemmen wie ein Frodo & Co. - die knackige Gemüsequiche, die saftigen Fleischbällchen und der hausgemachte Apfelkuchen sind ein Gedicht. Und da sehe ich ihn wieder, den Ring! Er baumelt an einer Kette um Henrys Hals. "Klar trage ich ihn! Damit ich nicht altere", scherzt er und zwinkert mir zu.

Autor

Melanie Maier