Kanadische Ureinwohner Pow Wow auf Manitoulin Island

Erfahren Sie mehr über die faszinierende Tradition der First Nations: Wir verraten Ihnen, was Pow Wow genau ist und wo Sie die indianische Kultur hautnah erleben können. 

Pow Wow

Alles über Pow Wow:

Mani­toulin Island

Es ist keine goldene Treppe, die in Manitous Reich führt. Es ist eine rostige Drehbrücke von 1913, die Manitoulin Island, die "Insel des Großen Geistes", mit dem Highway zum Festland verbindet. Jede volle Stunde dreht sie sich quietschend und knarzend 90 Grad um ihre Achse. Dann stoppt der Verkehr auf dem Highway 6 und Schiffe mit ho­hen Masten laufen vom Lake Huron in den Inselhafen von Little Current ein.

129 Kilometer lang, 48 Kilometer breit, dazu rund 100 Seen in ihrem Inne­ren, viele davon dekoriert mit pittores­ken Inselchen wie eine Consommé mit fein gehackter Petersilie - das ist Mani­toulin Island. Oder aber man beschreibt die Insel so wie Kevin Eshkawkogan: "Als Manitou das Universum schuf, hob er die sauberste Luft, das klarste Wasser, die kräftigsten Pflanzen und Tiere für diese Insel auf. Hier wollte er sich nach der Schöpfung erholen, dies ist seine Urlaubsinsel."

First Nations in Kanada

PowWow
Eshkawkogan, mit spirituellem Na­men "Sprecher des Volkes" genannt, ist Geschäftsführer des "Great Spirit Circle Trail", einer Organisation, die Besuchern die Kultur der Anishinabe vermittelt. Gut die Hälfte der rund 12000 Menschen auf Manitoulin Island sind Ureinwohner, zum Verbund der Anishinabe gehören die drei Stämme der Ojibwe, Odawa und Potawatomi. Die meisten von ihnen leben heute in einer von Manitoulins sechs "First Nations". Dies ist der politisch korrekte Begriff für Reservate in Kanada und auch für die meisten Ureinwohner des Landes. Im Vergleich zu Reservaten in den USA, deren Einwohner manchmal ein durch Zäune, Schranken oder Mauern abgeschottetes Leben führen, sind die First Nations auf Manitoulin für jeden zugänglich und unterscheiden sich kaum vom Rest der Insel: In den Einfahrten stehen Pick­ups, in den Vorgärten bunte Kinderräder, auf den Dächern prangen Satellitenschüsseln.

"Viele von uns ernten zwar noch die Früchte der Erde, jagen, fischen und sammeln Beeren", lacht Kevin Eshkawkogan. "Aber in Tipis oder Wigwams wohnen wir schon lange nicht mehr. Wir benutzen Computer, fahren Autos, tragen Jeans, Sneaker und essen ab und zu bei McDonald’s." Normaler kanadischer Alltag. Es sei denn, es ist Zeit für ein Pow Wow auf Manitous Ferieninsel. Dann feiern die Ureinwohner sich selbst, mit aller Wucht, in vollem Schmuck und knallbunten Kleidern. Männer mit Haarkränzen, die sie aussehen lassen wie Stachelschweine, tanzen über das Gras, bunte Federn wirbeln, die Musik dröhnt. Eine Party für alle, vom Häuptling bis zum Klein­kind, die drei Tage dauern kann, von morgens bis spät in die Nacht.

Die Pow Wow Tradition

PowWow
Viele der First Nations veranstalten ihr eigenes Pow Wow, eines der wich­tigsten findet jedes Jahr Anfang Au­gust in Wikwemikong statt, es ist das größte und älteste Pow Wow in Ostkanada. Stäm­me aus dem ganzen Land kommen dann auf die Insel, um gemeinsam zu singen, zu trommeln und zu tanzen. Sie kreisen wie Vögel um eine mit Lautsprechern bestückte Pagode. Manche tragen eine einzige Feder im Haar, manche einen Kranz und man­che gar einen Cowboyhut. Ihre Ver­wandten haben viele der Tänzer vorher gekleidet und geschminkt, und jedes Symbol hat seine Bedeutung.

"Diese Blume hier ist weit verbrei­tet in unserer Gegend", sagt Stephen Pelletier und zeigt auf sein Herz, wo sich zwei geschwungene lila Linien kreu­zen. Zwischen den Tänzen ruht er in seinem schillernden Kostüm vor dem Gebetstipi. "Wenn ich zu den Tänzen im Westen oder Süden des Landes gin­ge, würden die anderen mich an die­sem Blumenmuster erkennen", erklärt der Mann, der mit spirituellem Namen "Der Wind, der aufkommt" heißt.

Pow Wow für Besucher

Gäste sind auf den Pow Wows durchaus willkommen. Die Ureinwoh­ner pflegen einen offenen Um­gang mit ihrer Kultur, und doch bleiben manche Dinge geheim: wie beispiels­weise die Rituale ablaufen, in denen Namen wie "Kleiner Kolibri", "Wilder Wolf" oder "Rollender Donner" fest­gelegt werden. "Wir wollen kein Geld aus unserer Spiritualität schlagen", sagt Kevin Eshkawkogan. Ihre Traditionen geben die Anishinabe dagegen gern weiter – und verdienen sogar ein wenig daran. Eshkawkogans "Great Spirit Circle Trail" offeriert ein beeindru­ckendes Programm an Workshops. Ei­ner davon bringt den Teilnehmern das "Traditional Torch Making" bei.

First Nations Kanada

Hier geht's zu den Top 5 First Nation Erlebnisse in Kanada.

"Immer schön in die Handflächen spucken, sonst klebt der Harz an der Haut fest", weist Falcon "Kleiner Ko­libri" Migwans seine Schüler an. In neunzig Minuten sollen sie lernen, aus natürlichen Bestandteilen eine Fackel zu bauen. Mancher, dem die Spucke ausgeht, schaut mit einer Mischung aus Faszination und leichtem Ekel auf sei­ne vom warmen Gemisch aus Tannen­harz und Kohlenstaub verschmierten Hände.

Vielleicht weil der Workshop doch so gemütlich anfing. "Jedes von uns angebotene Erlebnis beginnt mit einer Zeremonie", erklärt Migwans. Alle Kursteilnehmer sitzen dann bei Kräu­tertee beisammen und essen das tradi­tionelle Fladenbrot Bannock mit Weiß­dorn­-Marmelade. Dabei zieht der Duft von verbranntem Tabak, wildem Salbei und Süßgras auf. "Auf diese Art haben schon unsere Vorfahren ihre Gäste willkommen geheißen." Immer wieder erzählt Migwans seinen Schülern Anek­doten und Geschichten aus dem Alltag der First Nations, zeigt ihnen in seinen Lehrgängen, wie man Trommeln oder Traumfänger herstellt, wie man ohne Streichhölzer Feuer macht, welche Kräuter welche Heilkräfte haben.

Der Glaube der Anishinabe

Ahornblatt Kanada

Und er erklärt ihnen den Glauben der Anishinabe: "Wir versuchen, nach den Lehren der sieben Großväter zu leben. Man kann sich die ähnlich wie die zehn Gebote vorstellen, mit Weis­heit, Mut, Bescheidenheit und Ehrlich­keit als Werten. Nur kommt man nicht gleich in die Hölle, wenn man sie nicht befolgt."

Am Ende des Workshops strahlen die Gesichter. Die Fackeln werden entzündet und stolz in die Höhe gereckt. Mehr als 10 000 Jahre liefen die Anishinabe mit Fackeln durch die Wäl­der von Manitoulin Island. Mitte des 17. Jahrhunderts dann schrumpfte ihre Zahl durch von Missionaren einge­schleppte Krankheiten und Überfälle der Irokesen drastisch. Um die Insel von Keimen zu reinigen, brannten die Überlebenden ihre Siedlungen nieder und flohen in die Wälder des Fest­landes. 150 Jahre lang blieb Manitoulin so gut wie unbewohnt, erst Anfang des 19. Jahrhunderts kehrten Odawa, Ojibwe und Potawatomi zurück.

Die Schönheit der Natur

Manitoulin Kanada
Manitoulin Island hat sich an vielen Ecken eine reizvolle Urtümlichkeit bewahrt. Bei Sonnenaufgang im Kanu über den Lake Mindemoya zu gleiten, ist eine fast spirituelle Erfahrung – wenn sich mit den ersten Sonnenstrah­len der Nebel sanft aus dem Wasser hebt und den Blick auf die Silhouette Treasure Islands freigibt. "Für uns markiert dies den Moment, in dem un­sere Ahnen, die uns des Nachts be­schützen, zurück in den Himmel fah­ren", sagt Migwans. "Aber selbst wer nicht an unsere Sagen glaubt, ist ergrif­fen: Viele unserer Gäste weinen bei diesem Anblick."

Es ist lange nicht die einzige spektakuläre Aussicht auf der Insel. Wer ihrer Küste, den Flüssen, Wander-­ oder Schotterwegen folgt, findet große Pano­ramen: die zauberhaften Bridal Veil Falls, in denen man unter den herab­strömenden Wassern baden kann. Den verwitterten Leuchtturm, aus dessen Fenster ein dampfbetriebenes Nebel­horn ragt. Die stillgelegte Fähre, die im Nieselregen Rost ansetzt. Selbst die größeren Orte scheinen von einer ge­mütlichen Patina überzogen. Mit Geschäften wie "Turners" an Little Currents Hauptstraße, in dem man seit 1879 alles, von Seekarten bis hin zu Mokassins, kaufen kann, oder dem "Up Top Sports Shop" in Mindemoya, in dessen Regalen Blinker, Köder und Angelruten für jeden Fisch parat liegen.

Der Zauber von Manitoulin Island

"Ich komme seit über 30 Jahren hier­her, und jedes Mal kommt es mir vor, als sei die Zeit stehen geblieben", be­stätigt Don Nicholson, ein freundli­cher Mittsechziger, der am Abend sein kleines Segelboot am Kai von Little Current vertäut hat und nun im "Anchor Inn", der ältesten Kneipe der Insel, ein kaltes Bier trinkt. Als seine Frau vor Kurzem verstarb, erzählt er, fuhr er mit einem Segeltörn nach Manitoulin ge­gen seine Trauer an. "Sobald ich die Nordküste der Insel erblicke, legt sich eine wohlige Ruhe über mich. Als wür­de ich vor einem Gemälde von einem ganz großen Meister stehen." Viel­leicht wirkt Manitous Kraft auf seiner Insel nicht nur bei denen, die an ihn glauben.

Pow Wow hautnah erleben

Klicken Sie in unser Video rein und lassen Sie sich von der indianischen Tradition mitreißen:

Autor

Severin Mevissen