Ontario Ottawa – Kanadas gemütliche Hauptstadt

Das frankophone Montreal oder das multikulturelle Toronto – dagegen kommt Kanadas Hauptstadt bei deutschen Touristen bisher nur schwer an. Doch gibt es gute Gründe für einen Besuch in Ottawa. Wir stellen Ihnen die Highlights der Stadt Ottawa vor. 

Mit dem Bürgersteig ist er inzwischen fertig, auf den Gehwegplatten prangt das mosaikähnliche Bildnis einer Eule. Nun widmet sich Scott einem Paar Turnschuhen, das er, sitzend und am Brückengeländer lehnend, mit bunten Farben verziert. Vor ihm liegt eine Mütze für Spenden sowie ein Schild mit der Aufschrift: "I wanna go home". "Boston, Massachusetts", verrät der 41-jährige auf Nachfrage. Seit eineinhalb Jahren reist Scott über den nordamerikanischen Kontinent. Vergangene Woche in Toronto überlegte er, sich wieder auf den Heimweg zu machen. "Mein Geld reichte aber nur für ein Ticket nach Ottawa. Ich dachte: Was soll ich denn in Ottawa? Aber ich hatte ja keine Ahnung, wie nett es hier ist."

Ottawa - das Geschwisterchen der großen Metropolen

Das ist das Schicksal kleiner Hauptstädte, die nur schwer gegen die großen Metropolen ihres Landes ankommen. Australiens Canberra, Südafrikas Pretoria, Brasiliens Brasilia: Sie alle sind wie kleine Geschwister, zu denen nie jemand sagt: "Meine Herren, bist du aber groß geworden!" Auch Ottawa kann - zum Beispiel was die Zahlen deutscher Gäste angeht - noch nicht mit seinen Metropolnachbarn mithalten. Nach Toronto kommen jährlich rund 75.000 deutsche Urlauber, ins frankophone Montreal 65.000. Ottawa, für dessen Besuch man zwischen den beiden Städten gerade mal 100 Kilometer Umweg auf sich nehmen muss, kam 2011 nur auf ein Drittel. Dabei ist Kanadas Hauptstadt eine wahrlich angenehm ruhige Sandwichmitte zwischen den beiden lauten Brötchenhälften.

Die Plaza Bridge, auf der Scott seiner kreativen Arbeit nachgeht, führt hinter der rund 25 Meter hohen Schleusenkette über den Rideau Canal. Er wurde in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts von den Briten als Schutz vor einer amerikanischen Invasion gebaut und schneidet die Stadt in zwei Teile. Heute dient er vorrangig als Wasserweg für private und touristische Bootsausflüge. Seit 2007 gehört Nordamerikas ältestes, dauerhaft befahrenes Kanalsystem zum Weltkulturerbe der Unesco und kann mit einem besonderen Superlativ prahlen: Im Winter bildet der Rideau Canal mit knapp acht Kilometern die weltlängste Eislaufbahn, an deren Ufern sich die Schlittschuhläufer an Feuerstellen sowie Buden mit heißen Getränken und Snacks aufwärmen können.

Der Parliament Hill in Ottawa

Egal ob Winter oder Sommer: Einer der Hotspots von Ottawa ist der westlich des Kanals liegende Parliament Hill. Von hier aus wird das zweitgrößte Land der Erde gesteuert. Auf einem Hügel am Südufer des Ottawa River genießen die neogotischen Regierungsgebäude eine prominente Lage - allen voran der 92 Meter hohe Peace Tower, dessen 53 Glocken alle 15 Minuten läuten. Auf kostenlosen, englisch- oder französischsprachigen Führungen durch das Parlamentsgebäude beeindrucken vor allem der Blick in die hölzerne Bibliothek, die 1916 als einziger Bestandteil des Ensembles ein schweres Feuer überstanden hat, sowie die 360-Grad-Sicht von der Aussichtsplattform des Turms. Nicht nur die Stadt liegt einem hier zu Füßen, sondern auch der Ottawa River, der an dieser Stelle die Provinzgrenze von Ontario darstellt. Die am anderen Ufer liegende Nachbarstadt Gatineau gehört bereits zum französischsprachigen Québec.

Auf dem weitläufigen Parlamentsplatz geht es für gewöhnlich heiß her. Zum einen wegen der Jahrhundertflamme "Centennial Flame", die - mit Unterbrechungen - seit dem Silvesterabend 1966 zum 100-jährigen Bestehen der Kanadischen Konföderation brennt. Zum anderen wegen des besonderen Spektakels auf der Grünfläche, wenn zwischen Mai bis September immer samstags öffentliche Yogastunden angeboten werden - nicht selten mit vierstelliger Teilnehmerzahl. "Als ich das gesehen habe, musste ich zuerst laut lachen.", erzählt Scott, verrät dann aber: "Letztlich habe ich selbst mitgemacht."

Byward Market in Ottawa
Christoph Pfaff
Byward Market, Ottawas lebendigstes Viertel.

Byward Market: Bunt und wuselig

Vom anderen Ende der mit der Eule gespickten Plaza Bridge gelangt man auf einem kurzen Fußmarsch nach Byward Market, das lebendigste Viertel Ottawas. Hier geht es bunt, gemütlich und - zumindest verhältnismäßig - wuselig zu. Rund um die zentrale Markthalle findet ein täglicher (Floh-)Markt mit frischem Gemüse, Kleidung und Blumen statt. In den umliegenden Geschäften werden Käse, Tee und Nudeln angeboten, Libanesen servieren starken Kaffee und die Mitarbeiter von "BeaverTails" verkaufen ihre in Fett gebackenen Pastries, die erst in Zimt und Zucker gewälzt und anschließend mit Zitronensaft beträufelt werden. Abenteuerlich lecker, wenn auch figurgefährdend.

Nicht anders sieht es mit den sogenannten "Obama Cookies" aus, die der US-Präsident vor einigen Jahren zum Verkaufsschlager machte. 2009 war Barack Obama zu Gast in Ottawa und stattete der Bäckerei "Le Moulin de Provence" einen medienbegleiteten Besuch ab. Er kaufte eine Handvoll Kekse mit der Form eines kanadischen Ahornblatts, lächelte in die Kameras und gestand: "I love this country!" So wie Barack und Scott dürfte es vielen Besuchern Ottawas gehen: Sie haben vor der Ankunft vielleicht keine großen Erwartungen, aber auf dem Heimweg doch viele, kleine Dinge im Gepäck. Egal, ob Erinnerungen an eine Bootstour auf dem Kanal, neue Yogaübungen für zu Hause oder eben Kekse.

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Autor

Christoph Pfaff