Winnipeg Canadian Museum for Human Rights: Eintauchen in die Geschichte Kanadas

Das Canadian Museum for Human Rights ist ein beeindruckener Glasbau, in dessen Inneren sich einfühlsam und einprägsam mit den Menschenrechten und der Integration der 'Indigenous Poeple' in Kanada auseinandergesetzt wird. Ein Interview.

Canadian Museum for Human Rights

Kathrin Duhamel ist Kuratorin im für den Bereich 'Indigenous Content'. hat sich mit ihr getroffen, um über das Museum, Menschenrechte und Versöhnung zu sprechen. 

: Bevor wir über das Museum selbst reden - warum ist Winnipeg der perfekte Standort für das Museum?

Canadian Museum for Human Rights

Duhamel: Winnipeg hatte eine entscheidene Rolle für die Eingeborenen, die First Nations, in Kanada - als Handelszentrum war es ein Treffpunkt für Händler, für Rituale und Zeremonien, für kulturellen Austausch. In den Geschichten der ansässigen Ureinwohner findet es immer wieder Erwähnung. Die Nähe zum Fluss förderte nicht nur den Handel untereinander, sondern auch den Kontakt mit Europa. Spätestens seit dem Fellhandel hat sich Winnipeg als Handels- und Kulturzentrum etabliert. Und welcher Ort könnte besser die Geschichte der First Nations erzählen, als der Ort, an dem sie alle stattgefunden haben? 

: Was waren die Herausforderungen, ein Museum dieser Art zu errichten - ein Museum, dessen treibende Kraft eine Idee, eine Theorie ist? 

Duhamel: Die Menschenrechte sind eine sehr komplexe Idee. Und diese abstrakte Idee zu übersetzen, in eine konkrete Ausstellung, ja, das war eine große Herausforderung. Unser Ziel ist es, einen Dialog zu fördern, ausgehend von unseren Ausstellungen. In Museen, in denen Objekte ausgestellt werden, ist das leichter. Wir hingegen müssen die Ideen transportieren und den Besuchern näherbringen. Oft verwenden wir dafür Kunst als Medium - gerade weil unsere Besucher aus so vielen unterschiedlichen kulturellen Hintergründen stammen, ist es schwierig eine Geschichte bedeutungsvoll zu erzählen, ohne dabei ein bestimmtes Objekt als Träger dieser Geschichte zu verwenden. 

: Was genau beeinhnaltet der Ausdruck "Indigenous People" in Kanada?

Canadian Museum for Human Rights

Duhamel: Wenn wir hier in Kanada über die "Indigenous Perspective" sprechen, dann reden wir über die First Nations, die Inuit, die Non-Status People und die Méti. Die Non-Status People sind Menschen, die durch den Indian Act ihren Status verloren haben, aber immer noch Ureinwohner als Vorfahren haben. Bei den Méti handelt es sich um Nachfahren der Beziehungen zwischen eingeborenen Frauen und den Männern, die durch den Pelzhandel nach Kanada kamen. Das ist teilweise sehr kompliziert bei uns. 

: Wie unterscheiden sich die Interpretationen über Menschenrechte der Ureinwohner von unseren Interpretationen? 

Duhamel: Wir betrachten die Geschichte des Landes beginnend mit der europäischen Besiedlung. Aber aus der Sicht der Ureinwohner gibt es eine lange und fortbestehende Geschichte der Besiedelung und der Nutzung des Landes - seit Jahrtausenden ist das Land, das erst später Kanada werden sollte, ihr Zuhause. Die Interpretation der Ureinwohner geht aber noch darüber hinaus: Die Indigenous People haben eine andere Wahrnehmung von Rechten; bei ihnen gehen Rechte und Pflichten Hand in Hand. Jedes Recht ist an eine Pflicht gebunden. Das Recht für die Nutzung und den Zugang zu Wasser ist auch an die Verantwortung geknüpft, den Rohstoff Wasser zu erhalten. Es ist ein System der gegenseitigen Verpflichtung, alles steht in Beziehung zueinander. Die Natur und die Umwelt versorgen den Menschen und im Gegenzug muss der Mensch die Natur schützen. 

: Wie gehen Sie als Kuratorin mit den sensibleren Themen der Geschichte, wie bspw. den Kolonien, um? Wie recherchieren Sie?

Duhamel: Grundsätzlich versuchen wir, die Geschichten in Kollaboration mit den Ureinwohner zu erzählen. Es ist uns wichtig, dass wir nur die Geschichten erzählen, bei denen wir auch das Recht von den entsprechenden Gruppen bekommen haben, sie weiter zu tragen. Wir versuchen, das Thema der Menschenrechte von dem Standpunkt der Eingeborenen aus zu betrachten und nicht als ein externes Gesetz, dass durch den Staat kontrolliert wird. Dabei möchten wir die gegenseitige Beziehung zwischen allen lebenden Geschöpfen im Hinterkopf behalten, so, wie es auch die Ureinwohner machen. 

Etwas, das wir im Umgang mit den Geschichten der Indigenous People beachten müssen, ist, dass wir nicht ohne ihr Einverständnis ihre Geschichten weitergeben dürfen. Wir dürfen nur etwas erzählen, was von ihnen freigegeben wurde, denn es sind schließlich nicht unsere Geschichten, die wir preisgeben. Ein besonderes Highlight für das Museum und den Besucher ist die  - Der Kreis der Elder hat dem Museum einen Teil seiner Geschichten geschenkt, um mithilfe des Symbols der Schildkröte ihre Sicht auf Rechte und Verantwortungen erzählen zu können. Je nachdem, welche Geschichte erzählt wird, wird auch der Ort und die Darstellung angepasst. Es ist ein Privileg, diese Geschichten zu hören und wir freuen uns sehr über diese Zusammenarbeit. 

: Wie genau entstehen eigentlich Ihre Ausstellungen?  

Duhamel: Wenn wir eine neue Ausstellung planen, müssen zwei Dinge vereint werden: Die Geschichten müssen ihren ursprünglichen Charakter bewahren und die Perspektive der Ureinwohner beibehalten, müssen aber gleichzeitig so vermittelt werden, dass der Besucher sich angesprochen fühlt. Wichtig ist, dass wir uns die Zeit nehmen, die wir brauchen. Wir betrachten die Entwicklung der Ausstellungen als einen Prozess. Eine Geschichte kann nicht in zwei Monaten an die Wand gebracht werden - es müssen Beziehungen mit den Verantwortlichen geknüpft werden, sodass man aufeinander zugehen kann und offen füreinander ist, sich Fragen stellen kann. Und so etwas kann nicht erzwungen werden. Daher können wir auch nicht immer auf neue Ereignisse eingehen, denn um unsere Geschichten zu erzählen, müssen wir mit den Eingeborenen reden und das dauert. Wir sind keine Nachrichtenagentur. Wir möchten zwar aktuell sein, aber wir möchten vor allem, dass die Menschen sich mit der Idee der Human Rights auseinandersetzen und nachdenken. Wir wollen ihnen nicht sagen, was sie denken sollen, sondern Informationen bereit stellen. Wir versuchen Ausstellungen zu gestalten, die eine Diskussion entfachen, sodass sich die Besucher ihre eigenen Gedanken machen können und eine fundierte Meinung entwickeln können. 

: Wie weit ist Kanada in Bezug auf die Versöhnung und das Miteinander mit den Indigenous People?

Canadian Museum for Human Rights
Duhamel: Ich mag es nicht, wenn Versöhnung als ein Prozess bezeichnet wird, weil es den falschen Eindruck vermittelt, dass sie an irgendeinem Punkt fertig sein wird. Dabei ist Versöhnung eine Grundlage für eine Beziehung, an der ständig gearbeitet und die immer wieder erneuert werden muss. Der Beginn einer Aussöhnung ist immer das Bewusstwerden der Geschichte. Beide, Indigenous und Non-Indigenous People, müssen sich ihrer Vergangenheit bewusst werden. Viele wissen gar nicht, was sich einmal abgespielt hat. Wir versuchen deswegen, einprägsame historische Ereignisse mit heutigen Ereignissen zu verbinden, die Verbindung aufzuzeigen oder aber die noch bestehenden Konsequenzen, die vielen gar nicht bewusst sind. Deswegen ist der wichtigste Schritt für die Versöhnung das Erzählen der Wahrheit. Es ist nicht nur wichtig, sich für die Vergangenheit zu entschuldigen. Viel entscheidender ist, dass wir die Dinge anders machen, dass wir aus der Vergangenheit lernen. Wenn wir uns die Herausforderungen vor Augen halten, denen sich die Ureinwohner bis heute stellen müssen, dann ist Versöhnung die Frage, wo wollen wir hin? Was ist unser Ziel? Und ich habe das Gefühl, dass wir mit diesem Museum einen wertvollen Beitrag leisten. 

Menschenrechte - ein brisantes Thema, das einfühlsam und eindringlich im Museum for Human Rights in Winnipeg dargestellt wird - ein einmaliges Erlebnis!

Autor

Kalle Harberg Rieke Heinze