Norwegen Mit Interrail zur Mittsommernacht

Norwegen ist das Land der Fjorde, Elche, Trolle und des Stockfischs. Im Winter ziehen die Nordlichter ihre bunten Bänder über den Nachthimmel und im Sommer weigert sich die Mitternachtssonne unterzugehen. Um dieses Naturschauspiel zu erleben, fahren wir von Oslo aus mit dem Zug gen Norden – denn wie sonst sollte man die wunderschöne Landschaft Norwegens bestaunen, wenn nicht aus dem Fenster eines Zuges.

Grüne Wälder, überall glitzert Wasser in der Sonne, und immer wieder zeigen sich typisch skandinavische rot-weiße Holzhäuser. Ich kann mich gar nicht sattsehen. Die fährt eine der wohl schönsten Strecken in Europa ab - zwischen Åndalsnes und Dombås in Norwegen ziehen rauschende Wasserfälle am Fenster vorbei, der jadegrüne Fluss Rauma blitzt zwischen den Wäldern durch. Auch an der höchsten Steilwand Europas kommt der Zug vorbei: Trollveggen, die Trollwand, führt 1000 Meter gerade nach oben. Hier erproben immer wieder erfahrene Bergsteiger ihr Können – auf mich macht sie mit den tief hängenden Wolken einen bedrohlichen Eindruck.

In Åndalsnes angekommen fällt der Blick auf ein futuristisches Gebäude, das irgendwie verpixelt aussieht – das Norsk Tindesenter (Norwegisches Bergsport Center). Dahinter schimmern der Isfjord und die schneebedeckten Berggipfel. Das Center ist der Geschichte des Bergsports gewidmet, mit Original Equipment aus den Anfangszeiten, eigener Kletterhalle und einem Kino, dessen Leinwand einer Felswand nachempfunden ist und einen fesselnden 3D-Effekt erzeugt. 

Wanderung zur Rampestreken in Andalsnes

Rampestreken in Norwegen

Im gemütlichen Wohnzimmer des knistert ein Feuer im Kamin, auf den Tischen und Fensterbänken stehen frische Wildblumen und Kerzen, dahinter ein freier Blick auf die Berge, deren Spitzen sich im herabsinkenden Nebel verstecken. Als ich im Bett liege ist es Mitternacht und noch immer scheint ein schwaches Licht durch die Vorhänge – ein erster Vorgeschmack auf die Mitternachtssonne. Am nächsten Morgen erarbeite ich mir die Landschaft zu Fuß - wir wandern zum Rampestreken Aussichtspunkt. Der Großteil des Weges ist sehr steil, und wir bahnen uns balancierend über Wurzeln und Steine den Weg Richtung Gipfel. Festes Schuhwerk ist hier unerlässlich. Der Ausblick entschädigt für den anstrengenden Aufstieg: Der Fjord sieht aus wie ein Gemälde aus grünen und blauen Wasserfarben, und die Bergketten strecken sich bis zum Horizont. 

Norwegen ist die Heimat der Trolle

Trollveggen hinter einer Wand aus Wolken

Trollveggen: die Trollwand

Norwegen gilt als die Heimat der Trolle- und tatsächlich begegnet man ihnen überall. Vor Geschäften in Oslo weisen Figuren den Weg und in den Straßen etwa in Romsdal sieht man kleine Troll-Figuren. Aber auch in Namen wie Trollveggen oder Trollstigen kommen sie zum Vorschein. Der Trollstigen ist eine steile Straße mit elf Haarnadelkurven, die sich den Berg hinauf windet. Vom Tal aus sieht man den Wasserfall, der den Berg hinunterstürzt – und die Autos und Busse, die sich nach oben schlängeln und immer winziger werden. Hier begegnen wir einem weiteren Troll, von dem unser Busfahrer erzählt: „Eine junge, wunderschöne Frau hat einmal unter diesem Wasserfall gebadet. Es war noch sehr früh am Morgen, bevor die Sonne aufging. Da kam ein Troll vorbei, der von ihrer Schönheit so fasziniert war, dass er die Zeit vergaß und sie beobachtete, bis die Sonne aufging. Und ihr wisst ja, was mit Trollen passiert, die vom Sonnenlicht getroffen werden.“ Und so sieht man bis heute am Rande des Wasserfalls das zu Stein erstarrte Gesicht des Trolls. Besser gesagt lässt sich die große Nase erkennen, und mit ein bisschen Fantasie auch der Rest des Gesichts. Oben angekommen lasse ich den Blick von der Aussichtsplattform über die Landschaft schweifen: Das grüne Tal, steile Hänge rechts und links und hinter mir glitzert der Schnee. Es ist gar nicht so abwegig zu glauben, dass hier Trolle leben. 

Berge in der Mitternachtssonne in Narvik
Wieder im Zug verändert sich die Landschaft ständig. Felsen, satte Grüntöne, hohe Berge, rauschende Flüsse und steppenartige Graslandschaften wechseln sich ab. „In Kürze überqueren wir den Polarkreis“, schallt eine Durchsage durch das Abteil. Der nächste Halt auf der Reise nach Norden ist Bodø. Hier serviert das Restaurant Bjørk eine besondere Spezialität: gegrillten Stockfisch. Zusammen mit Bacon, Erbsenpüree, einem pochierten Ei und gebratenen Kartoffelwürfeln in Aioli – ein Gedicht! 
Danach bringt uns Ketil Olsen mit einem Gummi-Speedboot zum Saltstraumen – dem stärksten Gezeitenstrom der Welt. Alle sechs Stunden tritt dieses Naturschauspiel auf, dann bilden sich große Strudel im Wasser und bringen es zum Brodeln. Sie können einen Durchmesser von bis zu zehn Metern erreichen – und wir werden direkt reinfahren. „Die Boote heute haben einen starken Motor und können problemlos durch den Saltstraumen fahren“, beruhigt Olsen. Als er in einen Strudel steuert, fühlt es sich an, als sei das Boot stehen geblieben. Zwischen den Strudeln ruckt es hin und her, das Wasser sprudelt auf allen Seiten – ein bisschen, wie in einer Wildwasserbahn.

Helle Sandstrände in Kjerringøy - perfekt für eine Pause 

Aussichtsplattform Trollstigen

Trollstigen in Norwegen

Etwa eine Stunde von Bodø entfernt liegt Kjerringøy, dass vor allem wegen der gut erhaltenen Handelssiedlung aus dem frühen 19. Jahrhundert bekannt ist. Die Umgebung ist einfach traumhaft: helle Sandstrände, blau-grün-türkisenes Wasser, saftige Wiesen und rot-weiße Holzhäuser mit grasbewachsenen Dächern. Ein Ort, an dem man sich einfach nur in die Sonne setzen, tief durchatmen und alles um sich herum aufnehmen möchte. Der Handelsposten ist eine kleine Zeitreise in die Vergangenheit: ein Museum mit originalen Möbeln und einer spannenden Geschichte. Das teure Geschirr und die handgefertigte Tapete aus Frankreich sind in einem unfassbar guten Zustand - fast könnte man meinen, die Hausherrin würde gleich aus dem Nebenraum kommen und zum Tee einladen. Aber auch der Rest von Kjerringøy ist bezaubernd - am liebsten würde ich diesen friedlichen Ort gar nicht mehr verlassen. 

Da die Bahnstrecke nach Norden in Bodø endet, geht es mit dem Flugzeug nach Narvik. Hier ist es endlich soweit: Wir bestaunen die Mitternachtssonne vom Hausberg aus. Um kurz vor Mitternacht stehen wir auf 650 Metern Höhe mit Sonnenbrille in gleißendem Sonnenschein. Der Ausblick ist atemberaubend. Die Sonne strahlt wie bei einem Sonnenuntergang hinter einer Bergspitze hervor und leuchtet den Schnee hinter uns an. Eine Farbpalette von Rot bis Lila erstreckt sich über den Himmel, während unter uns die Stadt und der Fjord liegen. Links sieht man bis zu den Lofoten, die sich zackig in Orange und Lila vom Horizont abzeichnen. Und obwohl es aussieht, als würde die Sonne jeden Moment untergehen, wird sie am Horizont verweilen und zwischen zwei und drei Uhr wieder nach oben klettern. Mit Sonnenbrille, Jacke und Schal stehe ich im Licht der Mitternachtssonne und bin glücklich dieses unglaubliche Naturschauspiel erleben zu dürfen. Kann man davon jemals genug bekommen?

Infos: 
Unsere Autorin ist mit dem  gereist - und war noch Tage nach der Tour vollkommen beseelt und glücklich. Das 10-Tage-Ticket  ist gültig für einen Monat und kostet ab 292 Euro.

Autor

Chiara Lippke