Kulturreise Taarab: Das Frauenorchester von Sansibar

Welche spannende Geschichte hinter dieser Musik steckt, hat der -Redakteur Kalle Harberg herausgefunden.
Tansania Taarab Sansibar

Beim Taarab verschmelzen die arabischen, afrikanischen und europäischen Strömungen, die Sansibar schliffen, zu einer harmonischen Melodie – nur Frauen durften die Musik, die hier auf der Insel vor der Küste Tansanias geboren wurde, lange nicht spielen. Bis sie gegen den Willen ihrer Männer ein eigenes Ensemble gründeten: das erste Frauenorchester Sansibars. 

-Redakteur Kalle Harberg hat dem traditionellen Taarab gelauscht

Tansania Taarab Musik
Wenn die Männer aus Kisiwandui, dem Viertel am Rand von Stone Town, vormittags zur Moschee gehen, dann gehen die Frauen zu dem weißen Haus gleich daneben. Sie drücken auf den gelben Knopf rechts neben der Tür mit den eisernen Dornen und sofort fängt ein Vogel im ersten Stock an zu kreischen. Alle anderen Klingeln hätten versagt, entschuldigt sich Mariam Hamdani mit einem Lächeln, nur diese mit dem mechanischen Zwitschern hätte gehalten. Dies ist Mariams Haus und sie braucht diese Klingel unbedingt. Sie hört gar nicht mehr auf zu summen. Heute ist Probe.  

Die Frauen schauen kurz in die Stube, begrüßen Mariam herzlich, und steigen dann ein Stockwerk höher. Mariam stimmt noch schnell mit dem Smartphone ihr Kanun, eine orientalische Zither mit mehr als fünfzig Saiten, und klettert dann selbst nach oben, wo ihr bereits in einem Halbkreis sitzt: Ein Dutzend Frauen, ihre Haare versteckt unter blauen, roten und purpurnen Tüchern, ihre Körper hinter Violinen, Trommeln und Akkordeons, stimmt sich hier unter dem Dach ein. „Spielen wir ein Lied über Frauen in Afrika“, sagt Mariam und legt los. 

Je länger die Lieder bei der Probe dauern, desto schneller werden sie. Die Melodien erinnern an Arabien oder Indien, aber die Rhythmen der Trommeln klingen afrikanisch. Eine nach der anderen stehen die Frauen von ihren Stühlen auf, legen ihr Instrument ab, und singen ein Solo, während die anderen im Chor einstimmen. Gemeinsam spinnen die Frauen ein Gewebe aus Klangfarben, das so bunt ist wie die Gewänder, die sie an diesem Vormittag tragen – und wenn sie die Musik richtig packt, schließen einige für einen Moment die Augen und genießen einfach nur. 

Tansania Taarab

Am Höhepunkt eines der letzten Lieder, das wie ein gemächliches orientalisches Volkslied beginnt und dann an Fahrt aufnimmt, schreit eine Frau, deren geblümtes Kopftuch sich während ihres warmen Gesangs mehrmals beinahe löst, mit geballten Fäusten all die Ungerechtigkeiten gegen die Decke, die hier in Sansibar passieren. Die vielen Drogen. Der Missbrauch von Kindern. Und vor allem die Gewalt gegenüber Frauen. „Tunalaani!“ antwortetet das Orchester auf jedes Verbrechen im Chor. Wir verurteilen es. 

Wenn du auf Sansibar die Flöte spielst, dann tanzt ganz Afrika

Mariam hat das Lied selbst geschrieben. Mit den Fesseln, die Frauen im konservativen Sansibar, wo mehr als 99 Prozent der Einwohner Muslime sind, täglich angelegt werden, kennt die 74-Jährige sich aus. Schließlich hat Mariam viele selbst aufbrechen müssen, als sie das Tausi Women’s Taarab Orchestra gründete: das erste Frauenensemble hier auf der Insel vor der Ostküste Tansanias. Tausi ist Swahili und bedeutet Pfau, wie die bunten Federn, die Mädchen als Lesezeichen in den Koran legen. Taarab ist Arabisch und bedeutet Freude, wie das Glück, das dieser Musikstil bescheren soll. Sie ist die mit Abstand beliebteste Musikrichtung auf Sansibar, wird auf privaten Hochzeiten genauso gespielt wie auf offiziellen Einweihungen. Ein typisches Orchester besteht aus Kanun – der orientalischen Zither –, Oud – einer arabischen Art Laute –, Nay – einer aus dem Nahen Osten stammenden Langflöte –, Violinen, Kontrabässen und Trommeln. Die Zusammensetzung erinnert an ein Ensemble ägyptischer Musik, aber gleichzeitig spielt das Orchester auch aus Europa importierte Rhythmen wie Walzer und afrikanische wie Chakacha. So wie Sansibar selbst, das schon von Portugal, dem Sultanat von Oman, dem Britischen Königreich und heute Tansania beansprucht wurde, ist Taarab ein Mosaik.

Und wenn du auf Sansibar die Flöte spielst, sagt hier eine Redensart, dann tanzt ganz Afrika. Berühmt machte die Inselmusik ausgerechnet eine Frau. Als Mutter des Taarab gilt die Sängerin Siti Binti Saad, deren Alben in den zwanziger und dreißiger Jahren zehntausende Male über den Tresen wanderten. Damals waren das sagenhafte Verkaufszahlen und noch heute gilt Siti Binti Saad in Sansibar als Heldin. Sie war die erste, die zu den arabischen Instrumenten auf Swahili sang und sogar selbst ein Instrument zu spielen gelernt haben soll – obwohl das bis heute eigentlich den Männern vorbehalten ist. 

Tansania Taarab
Zwanzig Jahre lang träumte Mariam Hamdani davon, ein Frauenorchester aufzubauen. Nach der Probe lässt sie sich wieder in ihren Sessel im ersten Stock fallen. An der Wand hängt eine gerahmte Auszeichnung für ihr Lebenswerk als Journalistin. Mariam war die erste Reporterin auf Sansibar, reiste in die Sowjetunion und die USA, arbeitete zwei Jahre lang in Deutschland, bevor sie in ihrer Heimat zur stellvertretenden Direktorin des nationalen Radiosenders aufstieg. Als sie sich 2009 zur Ruhe setzte, füllte sie ihre Zeit, indem sie sich selbst beibrachte, das Kanun zu spielen, und eines Tages wurde sie von der Gattin des Präsidenten gefragt, ob sie nicht bei einem Konzert ihrer Stiftung im alten Fort auftreten wollte – nur um im letzten Moment wieder ausgeladen zu werden. „Ich war so wütend, ich musste mich einige Tage abkühlen“, erzählt Mariam. „Es war eine Beleidigung. Also übte ich weiter, mehr als zuvor, manchmal bis drei Uhr morgens.“ Einige Monate später trat sie bei einem anderen Festival im alten Fort auf und spielte als Überraschung ein fulminantes Solo. Alle fragten sich, wo ich so zu spielen gelernt hatte, sagt Mariam, und fängt an, die Melodie von damals zu singen. 

Aber sie war noch nicht fertig. Sie stand ja immer noch als einzige Frau mit einem Instrument auf der Bühne. Also kaufte sie noch mehr. Acht Violinen, vier Keyboards, zwei Ouds. Bist du verrückt, fragte sie ihr Ex-Mann Mohammed, der im Erdgeschoss wohnt und selbst ein berühmter Sänger und Komponist ist, warum gibst du fast deine ganze Rente für gebrauchte Instrumente aus? Ach, frag mich nicht, sagte Mariam und machte weiter. Nachdem sie die Instrumente gekauft hatte, suchte sie nach den passenden Musikerinnen, ging zu Militärbands und Jugendgruppen. „Anfangs war ich enttäuscht, weil niemand interessiert war“, erzählt sie. „Aber dann klingelten eines Morgens mehr als zwanzig Frauen an meiner Haustür.“ Sie lief zu Mohammed und bat ihn, sie zu unterrichten. „Warum nicht?“ sagte er. Sechs Monate übten sie den jeden Tag vom frühen Morgen bis zum späten Nachmittag. Nur mittags gab Mariam jeder der Frauen ein paar Schilling, damit sie sich auf dem Markt etwas zu essen kaufen konnten. Als sie bereit waren, meldeten sie sich für das nächste Festival im alten Fort an. 

Dieses Orchester erfordert beispiellosen Mut 

Es wäre verführerisch zu sagen: Der Rest ist Geschichte. Aber die Wahrheit ist: Das Ende der Geschichte ist noch nicht gewiss. Es brauchte beispiellosen Mut, das Orchester ins Leben zu rufen, aber es braucht noch mehr, es am Leben zu halten. Seit der Gründung im Jahr 2009 ist das Tausi Women’s Taarab Orchestra nicht nur in Tansania, sondern auch in Kenia, Beirut, Ägypten und der Türkei aufgetreten, hat bei Empfängen der Vereinten Nationen und der Afrikanischen Union gespielt, wird international für seinen Mut gefeiert. Aber zu Hause in Sansibar, wo die Zahl fundamentalistischer Islamisten in den letzten Jahren zugenommen hat, wird es für das Orchester immer schwieriger. Mariam hat nicht nur Probleme neue Mitglieder zu finden – „Ich könnte fünfzig Sängerinnen hier haben! Aber in diesem Ensemble müssen sie eben auch ein Instrument spielen wollen.“ – sondern auch die alten Mitglieder zu halten. Viele habe sie bereits verloren, sagt sie. „Die erste war eine Akkordeonistin. Ich wollte weinen. Sie war so talentiert, sie hätte Lieder komponieren können.“ Es folgten eine Pianistin, die ihrem Mann nach Daressalam folgte, eine Trommlerin, die sich um ihre Großmutter kümmern musste, und drei Musikerinnen, denen ihre Ehemänner nach der Hochzeit verboten, im Orchester zu spielen. 

Das ist der häufigste Grund. Manche der Musikerinnen haben Glück mit ihren Männern. Wie Issa, die Trommlerin und pensionierte Beamtin, deren Mann sie manchmal sogar zu den Proben fährt. Andere finden einen Kompromiss. Wie Sheria, die Akkordeonistin, deren Mann ihr nach ihrer Schwangerschaft sagte, sie könne nur weiterspielen, solange sie ihn nicht mit dem Baby alleine lasse. Also brachte sie ihre Tochter einfach mit zu den Proben und die Musikerinnen sorgten sich abwechselnd um das schreiende Baby. Und dann gibt es Musikerinnen, die sich von niemandem etwas sagen lassen. So wie Amina, die Sängerin mit dem geblümten Kopftuch, die vorhin bei der Probe gegen die Decke schrie. 

Amina war zwanzig, als sie heiratete. Ihr halbes Leben hatte sie schon gesungen. Es lag ihr einfach im Blut, erzählt sie in Mariams Wohnzimmer. Sie versuchte ihrem Verlobten vor der Hochzeit die Tiefe ihrer Leidenschaft zu erklären, und er verstand sie, oder schien sie zu verstehen, denn nachdem sie getraut waren und Amina ihren gemeinsamen Sohn geboren hatte, wollte sie in ihrer neuen Heimat Daressalam wieder mit der Musik beginnen, nur ihr Mann wollte das nicht. „Wir hatten einen großen Streit. Einen sehr, sehr großen Streit“, erzählt Amina. „Seine Freunde hatten ihm gesagt, dass seine Frau nicht viel besser als eine Prostituierte sei, wenn er ihr erlaube, Musik zu machen. Es ist hier einfach nicht normal für eine Frau vor Menschen zu stehen und ihre Stimme zu erheben. Also schnappte ich meinen Sohn, sagte meinem Mann, ich könne nicht mehr mit ihm leben, und ging nach Hause.“ Zurück in Sansibar packte Amina die Angst. Sie hatte keinen Job, aber sie wusste, sie hatte Talent. Sie schrieb sich an der Dhow Music Academy ein, der einzigen Musikhochschule auf der Insel, obwohl selbst ihre Familie ihr davon abriet. Ein Jahr nach ihrem Abschluss arbeitet sie als professionelle Musikerin – und kommt trotzdem so oft es geht zu den Proben und Auftritten von Tausi, selbst wenn einige Mitglieder noch ganz am Anfang stehen. „Wir müssen zusammenhalten und uns gegenseitig ermutigen. Es gibt da draußen viele junge Frauen mit Talent, die keine Chance bekommen. Tausi kann sie ihnen geben.“ 

Zwei Momente, die in Erinnerung bleiben

Eine Woche später hat Tausi den nächsten Auftritt. Das Orchester spielt nur auf der kleinen Terrasse des Serena, eines der Luxushotels in Stone Town, aber das ist nicht der Grund, warum Mariam enttäuscht ist. „Einige haben es heute nicht geschafft“, sagt sie entschuldigend und schaut auf die fünf Musikerinnen, die außer ihr gekommen sind und gerade neben der Bar ihre Instrumente stimmen. Als sie fertig sind, schreiten die Frauen in ihren langen purpurnen Gewändern, von denen pinke Paillettenblüten schimmern, auf die Terrasse und setzen sich vor die Balustrade. 

Es wird kein guter Auftritt. Das Orchester spielt gegen die Gespräche der Hotelgäste auf der einen und das Tosen der Wellen auf der anderen Seite. Das Akkordeon ist zu laut, die Oud zu leise, und das Kanun, mit dem Mariam wie eine Matriarchin in der Mitte sitzt, hört man gar nicht. Aber es gibt zwei Momente, die in Erinnerung bleiben. Der erste kommt, als Mohammed, der hier ist, um seine Schülerinnen zu unterstützen, sich langsam von seinem Stuhl im Publikum erhebt und selbst ein Lied anstimmt. Die Frauen, die im Taarab eigentlich nur singen dürften, begleiten ihn auf ihren Instrumenten, und der Mann, der jedes davon spielen darf, singt mit tiefer Stimme ein Stück mit dem Ti „Sie hält mich in ihren Händen.“ Hinter dem Orchester prallt die Sonne auf den orange glühenden Indischen Ozean. 

Der zweite Moment kommt nach Sonnenuntergang, als auch Mariam hinter ihrem Instrument aufsteht und zu singen anfängt. Lange litt sie unter einem krächzenden Husten, wegen des feinen Staubs, der in jeder Spalte von Stone Town steckt, und ihre Stimme ist noch rissig. Aber sie singt dennoch mit einem milden Lächeln zu der von Mohammed komponierten Melodie die von ihr geschriebenen Zeilen: „Sansibar, diese Insel, ich werde sie immer lieben.“ 

Es ist ein Lied wie das Orchester selbst: nicht vollkommen, aber voller Inbrunst. Kurz darauf verabschieden sich die Frauen von der Terrasse, die sich bis auf ein einziges, andächtig lauschendes Pärchen geleert hat. Es gibt keine Verbeugung und keine Zugabe. Mariam kontrolliert auf ihrem Smartphone nur kurz die Uhrzeit und dann schreiten die Musikerinnen zur Bar, wo ihnen ein Abendessen eingepackt wird. „Es gab einige Fehler, aber eigentlich lief es okay“, sagt Mariam und lächelt noch immer. Sie werden weiter üben und besser werden. 

„Aber nach einer Weile dachte ich, ja, das bin ich, das ist meine Welt. Meine ganze Welt.“

Amina ist an diesem Abend nicht im Serena. Sie muss sich und ihren Sohn alleine von der Musik ernähren und kann sich nur die Auftritte leisten, bei denen mehr als ein Abendessen für einen von beiden rausspringt. Am Wochenende gibt es südlich von Sansibar-Stadt in Fumba einen Tag der offenen Tür. Neben dem alten Dorf, in dem einst die Mutter des Taarab Siti Binti Saad geboren wurde, soll ein neuer Ort entstehen: Eine Siedlung aus schneeweißen Reihenhäusern, die in einem kerzengeraden Raster liegen, geplant von deutschen Architekten für Afrikas aufstrebende Mittelschicht. Komplett mit Gemeinschaftsgarten, Modeboutiquen und sogar einem Skateboardpark. Fumba Town. 

Lachende Familien schlendern an den Rohbauten vorbei und stellen sich vor, wie es wohl wäre, in dieser für Sansibar futuristischen Stadt alt zu werden. Amina sitzt auf der Hintertreppe von einem der beiden fertigen Modellhäuser und zupft an ihrer Oud. Die 29-Jährige ist mit ihrer neuen Gruppe hier, , die Taarab Fusion spielt, eine moderne, elektrische, mal mit Jazz, Klassik oder Rap verschmelzende Variante der Inselmusik. „Wie geht’s?“ sagt Amina nur knapp und widmet sich wieder ihrem Instrument. Sie ist angespannt. Es ist erst die zweite Show von Siti and the Band. 

Der Anfang ist holprig. Nachdem Architekten und Politiker ihre Reden gehalten haben, betritt Amina mit ihren fünf Musikern die Bühne. Während der ersten Lieder zerstört ein ständiges Schnarren aus den Lautsprechern die Show, aber irgendwann verschwinden die Soundprobleme und die Band findet ihren Rhythmus. Dann lehnt Amina ihre Oud an den Stuhl, steht auf, und fängt an zu singen. Sie trägt ein gelbes Gewand mit blauen Punkten, das sie wie ein Raubtier aussehen lässt, und sie singt mit einem heißen, breiten Schwert von einer Stimme, das die Menge mitten ins Herz sticht. Am Anfang noch verhalten, absorbiert das Publikum Aminas Energie – wie sie über die Bühne tanzt, wie sie lacht und dabei leuchtet. Selbst als sie aufhört zu singen und die Show mit ihrer Band in einem langen Instrumentalstück beendet, hören ihr die Zuschauer, die für einen Hauskauf kamen, aber für ein Freiluftkonzert blieben, aufmerksam zu. Zum Abschluss schenken sie der Gruppe einen donnernden Applaus. 

„Während der ersten Lieder war ich so aufgeregt“, sagt Amina kurz danach auf der Hintertreppe. „Aber nach einer Weile dachte ich, ja, das bin ich, das ist meine Welt. Meine ganze Welt.“ Dann entschuldigt sie sich, um ihre Familie zu begrüßen, ihre Tanten und ihren Sohn, die im Publikum saßen, um sie zu unterstützen. Sie läuft vorbei an der frisch gestrichenen Mauer des Modellhauses, vor der ein Schild mit einem englischen Spruch steht, der eigentlich die Stadt bewerben soll, aber heute viel besser auf Amina zutrifft: 

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Autor

Kalle Harberg