Tansania Die neue Generation des Gombe National Parks

Ganz im Westen Tansanias liegt der Gombe National Park. Jane Goodalls Forschungen zu seinen Schimpansen machten ihn berühmt, aber auch mehr als 50 Jahre später gelingen den Wissenschaftlern in der längsten Tierstudie in freier Wildbahn bahnbrechende Entdeckungen. -Redakteur Kalle Harberg hat die Forscher zu den Menschenaffen begleitet
Gombe National Park Schimpansen

Eine Reportage des -Redakteurs Kalle Harberg

Gombe National Park Wasserfall
Dranbleiben. Jetzt nicht den Anschluss verlieren. Meine Füße schlittern über das Laub, meine Hände krallen sich um die Wurzeln. Ich ziehe mich so schnell es geht den Hang hinauf. Das Herz schlägt mir bis zum Hals. Durch den Dschungel sehe ich Joels schwarzen Rucksack schimmern. Sein Lockenkopf und sein Vollbart stecken voller Zweige. Er rutscht fast so oft aus wie ich. Aber im Gegensatz zu mir balanciert er in der Hand auch ein Tablett, mit dem er die Bewegungen der Tiere aufzeichnet, die wir durch das Gebüsch verfolgen. Sie suchen nach etwas. „Wenn du Glück hast, siehst du sie vielleicht gleich jagen“, sagt Joel leise und dreht sich zu mir um. „Das machen sie hier oben gerne.“  

Aber als wir sie einholen, jagen sie keine Beute. Sie jagen einander: Oben in den Bäumen tobt eine Gruppe junger Schimpansen. Sie hetzen über die Äste, bis sie einander erwischen, und sich der Gefangene auf den Waldboden gleiten lässt. Dort steht er auf, als sei nichts gewesen, und klettert glücklich grunzend wieder den Stamm hinauf, um das Spiel von vorne zu beginnen. Ihre Eltern sitzen entspannt auf den Wurzeln und schenken dem Nachwuchs kaum Beachtung. Genauso wie dem halben Dutzend Gestalten, die sich zehn Meter entfernt in das Laub gehockt haben. Tracker, Guides und Wissenschaftler wie Joel Bray, alle gekommen, weil es auf der Welt keinen anderen Ort gibt, an dem sich Schimpansen und Menschen in der Wildnis so nah kommen. Keinen anderen Ort wie den Gombe National Park hier am Ufer des Tanganjikasees, wo Tansania auf den Kongo trifft. 

Wie nah zeigt sich kurz darauf. Ein kolossaler Schimpanse hockt sich fünf Meter von mir entfernt auf den Boden. „Kannst du den Boss sehen?“ fragt mein Guide Iddy und deutet auf den Affen, der mir den Rücken zugewandt hat. „Ist er das Alphatier?“ frage ich zurück. „Ja, das ist Fudgi“, lächelt Iddy. Ich schlucke und mache drei Schritte zurück. 

Die Männchen der F-Familie werden die Alpha-Tiere

Fudge gehört zur Königsfamilie von Gombe. Die rund hundert Schimpansen in Tansanias zweitkleinstem Nationalpark – er ist nur zehn Kilometer lang und anderthalb Kilometer breit – leben in drei Gruppen, von denen die größte rund um das zentrale Flusstal Kasakela am besten erforscht ist. Um sie leichter zuordnen zu können, beginnen die Mitglieder ihrer vielen Familien immer mit dem gleichen Buchstaben. Frodo, Ferdinand, Fudge. Oder „Fudgi“ wie Iddy ihn liebevoll nennt. Alle diese Männchen aus der F-Familie steigen zu Alphatieren auf. Dass die Schimpansen überhaupt Namen bekommen, mag heute selbstverständlich scheinen, aber es war eine wissenschaftliche Revolution, als eine gelernte Sekretärin aus Südengland namens Jane Goodall in Gombe diese Praxis einführte. Eine von vielen durch sie entfachte Revolutionen. 

Ich weiß nicht, wie vertraut Sie mit Janes Geschichte sind. Die meisten Menschen sehen vor ihrem inneren Auge das Bild einer blonden Frau, die mit Schimpansen auf einer Lichtung sitzt. Was Stephen Hawking für die Physik, ist Jane schon viel länger für die Biologie – eine in der Popkultur dermaßen präsente Wissenschaftlerin, dass die Feinheiten ihrer Forschung manchmal in den Hintergrund gedrängt werden. Wenn Sie ihre Entdeckungen nicht kennen, werden Sie mir vergeben, wenn ich sie kurz zusammenfasse. Und wenn doch, vergeben Sie mir sowieso – immerhin spielen dabei auch ein Krieg und ein Kidnapping eine Rolle.

  Am frühen Morgen des 14. Juli 1960 steigt Jane Goodall in der Kleinstadt Kigoma ganz im Westen Tansanias auf ein Boot, fährt damit über den stillen Tanganjikasees und springt ein paar Stunden später auf den Kieselstrand von Gombe. Sie ist erst 26 Jahre alt aber ihr ganzes Leben hat sie schon von Afrika geträumt. Mit acht hat sie die Geschichten von Tarzan und Doktor Doolittle verschlungen und den Beschluss gefasst, eines Tages mit wilden Tieren zu leben. Nach der Schule fährt sie so schnell es geht nach Nairobi, wo sie den berühmten Anthropologen, Paläontologen und Kurator des dortigen Naturkundemuseums Louis Leakey aufspürt. Der Engländer erkennt sofort Janes Potential, bildet sie aus und schickt seinen Schützling zur Erforschung der Schimpansen nach Gombe – einer gebirgigen, zerfurchten und von der Zivilisation abgeschnittenen Region. Der Anfang ist hart. Immer wieder versucht sie sich den Schimpansen zu nähern, aber sobald sie Jane bemerken, flüchten sie. Als wäre das nicht genug, erkrankt sie an Malaria. Zu schwach um zurück nach Kigoma zu fahren, bleibt sie zwei Wochen lang im Zelt liegen. 

Aber als das Fieber schwindet, gewinnt Jane langsam das Vertrauen der Affen und macht in kurzer Zeit zwei Entdeckungen, die nicht nur die Verhaltensforschung, sondern auch das Verständnis des Menschen revolutionieren. Als sie eines Tages auf einem Gipfel sitzt, sieht sie einen Schimpansen „ein pinkfarbenes Objekt halten, von dem er Mal für Mal Stücke mit seinen Zähnen abriss“, wie sie es ihrem ersten Buch Wilde Schimpansen beschreibt. Es ist, wie sie wenig später merkt, ein erlegtes Buschschwein. Bis dahin hatte man angenommen, dass Schimpansen vorwiegend Vegetarier seien. 

Nicht lange danach begegnet die junge Engländern, die von den Einheimischen bald als Magierin bezeichnet wird, weil die Affen sie nicht verletzen, auf ihrem Weg zum gleichen Gipfel einem Schimpansen, der neben einem Termitenhügel hockt: „Während ich ihm zusah, beobachtete ich, wie er einen Grasstängel vorsichtig in ein Loch des Hügels führte. Nach einem Moment zog er ihn wieder heraus und pickte mit seinem Mund etwas von seinem Ende.“ Sie findet heraus, dass dieses "Etwas" Termiten sind und dass die Schimpansen die Grasstängel nicht nur als Werkzeug benutzen – sie stellen sie her, indem sie von Zweigen die Blätter abreißen. Die Wissenschaft war bis dahin davon ausgegangen, dass der Mensch das einzige Lebewesen sei, das Werkzeuge anfertigen könne. Aufgeregt schickt Jane ein Telegramm über beide Entdeckungen an Leakey. Er schreibt ihr begeistert zurück: „Entweder müssen wir Werkzeug neu definieren, den Menschen neu definieren oder die Schimpansen zu den Menschen zählen!“

Es war der Mensch, der sich letztlich neu definierte. Aber Janes größte Errungenschaft ist nicht wie der Mensch sich selbst, sondern wie er anderes Leben zu sehen lernte. Sie zeigte, dass Schimpansen komplizierte Charaktere mit einem komplexen sozialen Gefüge sind. Also gab sie ihnen Namen. Als sie sich 1962 auf Vorschlag Leakeys an der Universität von Cambridge einschrieb, sagten ihr die Professoren, sie hätte alles falsch gemacht, indem sie den Tieren Persönlichkeiten gegeben hatte – aber sie setzte sich durch, machte vier Jahre später ihren Doktor, und kehrte sofort wieder nach Gombe zurück. Mehr als ein Vierteljahrhundert arbeitete Jane im Dschungel und baute am See eine internationale Forschungsstation auf. Selbst nachdem Rebellensoldaten 1974 vier ihrer Wissenschaftler nach Zaire entführten und später wieder frei ließen, kam sie einige Jahre darauf zurück und studierte die Schimpansen weiter. Sie war dabei, wenn sie sich umarmten, kitzelten und küssten, aber sie war auch dabei, als die Gruppe aus Kasakela Mitte der Siebziger vier Jahre lang einen erbitterten Krieg gegen die Schimpansen von Kahama führte, während dem sie alle Männchen ihrer südlichen Rivalen tötete, und der heute so berühmt ist, dass man auf Wikipedia in sieben Sprachen seine Chronologie nachlesen kann. „Als ich in Gombe anfing, glaubte ich, dass die Schimpansen netter sind als wir“, schrieb Jane. „Aber mit der Zeit stellte sich heraus, dass sie genauso schlimm sein können.“ 

Es fehlen nur die Notizen von einem Tag - dem nach einem Kidnapping

Gombe National Park
Als die Sonne untergeht, sitzt Joel Bray auf der Terrasse vor Janes Forschungsstation. Während der Trockenzeit wirkt der wolkenlose Himmel über dem See wie eine gemalte Filmkulisse. Der Kongo auf der anderen Seite ist nicht zu sehen und so scheint der Strand, auf den Joel blickt, wie der äußerste Rand der Welt. Es war ein guter Tag für den amerikanischen Doktoranden, der ein ganzes Jahr in Gombe leben wird, ständig konnte er Schimpansen beim Kontakte knüpfen beobachten: „Eines der großen Ziele meiner Forschung ist es, die individuelle Schwankung im Sozialverhalten erwachsener Männchen zu verstehen. Warum sind manche sehr gesellig und andere Einzelgänger? Warum schließen manche Pärchen Freundschaften und andere nicht?“

Fragen, die man nur in Gombe beantworten könne, sagt Joel. Bis heute ist es die am längsten andauernde Tierstudie in freier Wildbahn. Seit Janes Ankunft im Juli 1960 fehlen nur die Feldnotizen eines Tages – die nach dem Überfall aus Zaire. Am zweiten Tag begannen ihre tansanischen Assistenten wieder mit den Aufzeichnungen. Zurück in den USA wird Joel die in einem Archiv an der Duke University aufbewahrten Notizen anderer Wissenschaftler im Licht seiner eigenen Beobachtungen analysieren – und so die Möglichkeit haben, nicht nur das Sozialverhalten verschiedener Schimpansen über ein Jahr zu verfolgen, sondern über ganze Generation zu vergleichen. 

Während Joel die Nachkommen von Janes Affen studiert, ist der 26-Jährige selbst in gewisser Weise ein Spross der berühmten Primatologin – sein Doktorvater machte seinen Abschluss bei einer von Janes ersten Assistentinnen. Heute beobachten die Nachfahren der einen die Nachfahren der anderen. Mittlerweile haben sich die Menschenaffen so an ihre hinter den Büschen hockenden Begleiter gewöhnt, dass sie die Forscher weitestgehend ignorieren. „Wir sind für sie im Prinzip ein Teil des Waldes“, sagt Joel. „Sie laufen an uns vorbei, ohne uns auch nur zweimal anzusehen.“ Wenn die Schimpansen doch einmal misstrauisch werden, wedeln die Verfolger ihre Schreibblöcke durch die Luft. Dann wissen die Affen: Das sind bloß die Wissenschaftler.

Durch den Schatz an Feldnotizen lernen die Wissenschaftler nicht nur die Gegenwart besser verstehen

Schimpansen Tansania
Der Dienstälteste von ihnen ist Anthony Collins. Am gleichen Abend sitzt der 68-Jährige in seinem Armsessel in der Ecke eines der schrägsten und schönsten Häuser, das ich je gesehen habe. Es liegt ganz am nördlichen Ende der heute rund zwei Dutzend Häuser und Zelte umfassenden Forschungsstation, die sich wie ein Streifen am Strand entlang zieht. Draußen sind die Fenster mit Gittern versperrt, damit keine Affen einbrechen. Drinnen ist jede Oberfläche von Objekten belegt: Skulpturen von Affen, Kerzen in Flaschen, Reihen von Pavianschädeln und überall Stapel von Büchern über Bäume, Schmetterlinge und natürlich Jane. Seit 1986 hat sie ihrer Arbeit als Aktivistin mehr und mehr Zeit gewidmet – heute kämpft ihr in fast 100 Ländern für den Umweltschutz, darunter auch in Deutschland, dessen Zweigstelle sich besonders für die Sensibilisierung der Dörfer um Gombe einsetzt. Währenddessen hält Anthony im Dschungel für Jane die Stellung: Er ist der Vizedirektor des . Was es nach mehr als einem halben Jahrhundert in Gombe überhaupt noch Neues zu entdecken gibt? Du wärst überrascht, meint Anthony.

Außer ihm arbeiten 45 Tansanier in der Forschungsstation. Sie sind Zoologen, Virologen, Genetiker und studieren heute das ganze Ökosystem von Gombe, etwa die Kreuzung aus Rotschwanzmeerkatze und Diademmeerkatze, die es nur hier gibt, oder die Paviane, die durch das Camp laufen, als gehörte es ihnen. Anthony ist einer der führenden Experten, wenn es um die Affen geht. Als er 1971 in Gombe eintraf, wollte er eigentlich Schimpansen studieren, aber weil die damals schon so beliebt waren, riet ihm Jane, sich den Pavianen zu widmen. Ein Glücksfall, sagt Anthony, während draußen die Wellen über den Strand rollen. „Schimpansen sind philosophischer. Sie handeln meist langsam und vorausschauend. Paviane sind immer in Aktion. Sie sind in ganz Afrika erfolgreich und der Grund dafür ist der eine Aspekt, in dem sie uns mehr ähneln als Schimpansen: Sie sind Opportunisten. Immer beschäftigt, immer am Umschauen, immer am Ausprobieren.“ 

Dann kommt Deus Mjungu durch die Tür. Der 42-jährige Tansanier ist der Direktor der Forschungsstation und leitet heute die Schimpansenstudie. Er lässt sich auf das Sofa gegenüber von seinem Stellvertreter fallen und fängt an zu erzählen, dass sich mit modernen Technologien immer noch ganz neue Erkenntnisse über das Leben von Gombes Stars gewinnen ließen: „Als die Studie über die Schimpansen begann, war es schwierig zu sagen, wer wessen Vater war. Jetzt können wir den Kot einsammeln und es mithilfe eines DNA-Tests herausfinden. Und dann ihr Verhalten über Generationen vergleichen.“ Aber die Molekulargenetik erlaubt nicht nur frische Einblicke in die Vergangenheit der Schimpansen, sie könnte auch ihre Zukunft sichern. Gerade wird die Forschungsstation erneuert und mit einem brandneuen Labor bestückt, um schneller Testresultate zu bekommen. Zum Beispiel über die Gesundheit der Affen: 2009 argumentierte die amerikanische Wissenschaftlerin Beatrice Hahn, in deren Labor in Alabama die Kotproben ausgewertet worden waren, in einem Artikel der Fachzeitschrift Nature, dass die Schimpansen von Kasakela, die an SIV litten – einer bis dato als ungefährlich eingestuften Urform von HIV – in Wahrheit ein 10- bis 16-mal höheres Risiko hätten, frühzeitig zu sterben. Wie viele Schimpansen infiziert sind und was das für die Zukunft der Tiere bedeutet, ist heute die vielleicht dringendste Frage der Forschung in Gombe. 

Denn auch die nächsten Generationen sollen die Schimpansen erleben können. 300 Tage im Jahr reist Jane durch die Welt, hält Vorträge und verhandelt mit Politikern, um ihren Lebensraum zu retten. Aber mindestens einmal jährlich kommt die heute 83-Jährige zurück nach Gombe. Dann übernachtet sie in Anthonys Haus – das einmal das Ihre war, solange sie noch hier lebte – in dem kleinen Schlafzimmer, in das er mich jetzt führt. Ihre Sachen liegen in einer Truhe neben dem Bett, nur ihre Ausgabe von Shakespeares Werken steht noch auf dem Regal. „Sie kann eine Menge Gedichte zitieren, die wir längst vergessen haben“, sagt Anthony. Wenn Jane zu Besuch kommt, ist es seine Aufgabe, sie vor den Gästen zu schützen. Eine Handvoll Besucher reist jeden Tag mit dem Boot von Kigoma nach Gombe, um mit eigenen Augen die berühmtesten Affen der Welt zu sehen, die mittlerweile nicht nur die Wissenschaftler, sondern auch die Touristen tolerieren. Natürlich würden sie nichts lieber als mit Jane durch den Dschungel streifen – aber sie brauche diese Zeit allein, sagt Anthony, um aufzutanken. „Morgens hat sie eine Tasse Kaffee, eine Scheibe Brot und eine Banane, und verschwindet. Ich frage sie nicht, wohin sie geht, und sie erzählt es mir auch nicht. Sie ist dann alleine im Wald und im Idealfall finden die Schimpansen sie. Und wenn nicht – denn die meisten Schimpansen, die sie so gut kannte, sind längst verstorben oder verschwunden – dann sei das auch okay, sagt sie.“ 

"Aber ich weiß noch immer ganz genau, was ich fühlte. Glück. Unverhohlen und ungefiltert."

Am Tag danach gehe ich ein letztes Mal in den Wald. Anthony muss mit dem Boot nach Kigoma, Joel steckt bei einer Gruppe hoch oben in den Bergen, also machen Iddy und ich uns alleine auf in den Dschungel. Wir folgen einem kleinen Bach namens Kabanja weit nach Süden. Immer wieder springen wir über das Wasser, um dem Pfad zu halten, und immer wieder bleibt der 36-jährige Guide stehen und horcht gegen unser Hecheln in den Wald hinein. Manchmal macht er dann einen runden Mund und stößt Affenschreie heraus. So kommunizieren die Guides im Wald mit den Trackern, die fast immer die letzte Position der Schimpansen kennen. Die Menschenaffen wissen natürlich, dass die Schreie nicht von Affen kommen, sondern von Menschen. Aber die benutzen sie trotzdem. Weil kein anderer Klang so klar durch den Dschungel schneidet? Oder weil es ihnen zu peinlich wäre zu rufen: Wer ist da draußen? Ich weiß es nicht. Nach einer Stunde jedenfalls bricht einer der Tracker durch die Äste. Wir verlassen den Pfad und folgen ihm. Er weiß, wo sie sind. 

Tom sitzt im Schatten über dem Fluss. Er sei sehr freundlich, sagt Iddy, manchmal renne der Schimpanse sogar durch seine Beine. Heute dreht er sich um und führt uns stattdessen zu seiner Familie. Seine Mutter Tanga, seine kleine Schwester Tukuyu und seine Freundin Trezia hocken zwischen den Bäumen weiter oben, wo das Rauschen des Baches nur noch leise zu hören ist. Die drei Erwachsenen sitzen einfach da, ganz eng beieinander, zwischen ihnen Tukuyu. Das winzige Kind klettert wieder und wieder über die Körper ihrer Verwandten in die Äste hinein und wirft verstohlene Blicke zu den Gestalten herüber, die sieben Meter von ihr entfernt auf der Erde sitzen. Ich muss an Joels Worte denken, dass es vor allem die Kinder seien, die den Mensch noch gespannt anschauten – als sich eines der Weibchen, ich glaube, es war Trezia, nach hinten fallen lässt, auf dem Laub liegend den Kopf dreht, und mich ansieht. 

Ich weiß nicht, was ich sah. Lange habe ich darüber nachgedacht, was hinter diesen schwarzen Augen steckte. Ob sie genervt war oder neugierig. Aber ich weiß noch immer ganz genau, was ich fühlte. Glück. Unverhohlen und ungefiltert. Ich lächelte sie an und obwohl sie ihr Gesicht nicht verzog, lächelte ich weiter. 

Noch lange nachdem sie die Augen geschlossen hatte und eingeschlafen war. 

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Autor

Kalle Harberg