Größtes Hindufest Afrikas Eine göttliche Reise nach Mauritius

Von Allah bis Shiva: Auf der kleinen Insel Mauritius ist genug Platz für alle Götter. Umso beeindruckender ist das größte Hindufest außerhalb Indiens, das auf der Insel stattfindet. 

Tempel auf mauritius

Da stehe ich nun. Eine blasse Deutsche in Jeans und T-Shirt, umringt von bunt gekleideten Menschen. Wie ein Elefant inmitten einer Herde edler Antilopen. Plump und riesig komme ich mir vor.

Dabei möchte die Familie Manaroo nur eines: dass ich mich genauso gut fühle wie sie. Sie reichen mir Saft, lächeln mich an. In ihrem Haus am Rande eines Zuckerrohrfeldes in Triolet im Norden von Mauritius herrscht fröhlicher Trubel. Gewänder rascheln, Kinder toben, Frauen stecken die Haare zurecht. Alles für eines der wichtigsten Feste im Jahr, das „Maha Shivaratri“, das immer im Februar mit einem Pilgerzug gefeiert wird. Selbst Verwandtschaft aus Frankreich ist angereist. Gleich werden die Tage der Vorbereitung im Aufbruch gipfeln: Dann ziehen die Manaroo-Männer zu Fuß in Richtung Grand Bassin los, einem See rund 40 Kilometer südlich im Landesinneren. Der See, so heißt es, stehe in direkter Verbindung zum indischen Ganges, dem heiligen Fluss der Hindus.

Kokosnüsse und Bananen für einen Gott, der Süßes liebt

Hochstemmen werden die Stärksten den selbst gebauten Kanwar, den riesigen und pinkfarbenen Tempelwagen, im Inneren thront ein Schrein, um Shiva, den Zerstörer des Bösen und Retter der Menschheit, zu beeindrucken. Kokosnüsse, Zuckerstückchen und Bananen für einen Gott, der Süßes liebt. Um die Erleuchtung nicht zu gefährden, verzichten die Pilger auf Fisch und Fleisch, beschränken sich auf Früchte, Reis, Saft und Gemüse. Im Gegenzug erhoffen sie Reinigung für Geist und Körper. „Das sieht zwar alles nach einer großen Anstrengung aus“, sagt einer der Manaroo- Brüder, während er die Schellen klingen lässt, „doch für uns ist es die pure Freude.“ Obwohl Gottheiten gegenüber generell skeptisch, zieht mich Shiva direkt in seinen Bann. Aber wie sich auch einer überirdischen Instanz entziehen, die so bunt und freundlich aus der Wäsche guckt? Die Stimmung reißt mich endgültig mit, als die Männer beginnen, den Kanwar zu umrunden, Reis zu werfen und mantra-artig zu singen „Aum Namah Shivaya“, ihre Preisung für Shiva. Einer bläst das Muschelhorn, ein schwerer, schöner Ton erklingt. Schwer zu sagen, wie lange dieses Ritual dauert: zehn Minuten oder dreißig? Mir ist, als falle ich aus Raum und Zeit. Befinde ich mich wirklich auf einer realen Insel oder in einem exotischen Märchen? Habe ich je solche Farben gesehen, solche Düfte geschnuppert, eindringlicheren Gesang gehört? Doch plötzlich schmuggelt sich das irdische Leben zurück in die Runde: Ein Handy klingelt. Einer der Männer greift in seine Kurta und geht ran. Wenig später brechen sie auf.

Pilgerer aus Mauritius, Malaysia, Indien und La Réunion

Rund 500.000 Hindus pilgern jedes Jahr zu Maha Shivaratri. Nicht nur die Mauritier, sondern auch aus Malaysia, Indien und von der Nachbarinsel La Réunion reisen die Pilger an. Da Hindus mehr als die Hälfte der 1,2 Millionen Einwohner von Mauritius stellen, ist auch ihre Religion am ehesten wahrnehmbar, sind die knallbunten hinduistischen Tempel weiter verbreitet als katholische Kirchen oder die weiß getünchten Moscheen. Nicht selten stehen aber alle Gotteshäuser auf ein und derselben Straße nebeneinander aufgereiht. Vielleicht ein erstes Indiz, dass sie hier gut miteinander auskommen.

Der religiöse Mix auf dem grünen Eiland im Indischen Ozean ist auch das Resultat einer wechselvollen Geschichte. Holländische, französische und britische Kolonialherren brachten Sklaven aus Afrika und Madagaskar auf das unbewohnte Mauritius, bauten Zuckerrohr an, forcierten die Einwanderung indischer Arbeiter, chinesische und arabische Händler folgten. Die Nachfahren der Sklaven, die sich mit anderen Einwanderern vermischten, sind die Kreolen. Ihre Sprache ist das verbindende Element. Englisch ist zwar Amtssprache, Französisch die Geschäftssprache, aber das Kreolische ist die Sprache, in der sich die Bewohner untereinander verständigen. Und als wolle Mauritius der restlichen Welt beweisen, dass es auf nichts ankommt als auf den Menschen selbst, treibt es die Verwirrung um ethnische oder religiöse Herkunft auf die Spitze: Chinesen sind katholischen Glaubens, Hindus nehmen an buddhistischen Zeremonien teil.

Für mich hört sich das alles nach dem berühmten „melting pot“ an, doch Père Souchon möchte es anders formulieren. Den 85-jährigen katholischen Priester treffe ich in der Hauptstadt Port Louis, im 200 Jahre alten Pfarrhaus seiner Kirche „Église de L‘Immaculée-Conception“. Hitze drückt nieder auf die Stadt, Père Souchon hat sich in die Kühle seiner „private chapel“, seines Andachtszimmers, zurückgezogen. Der Nachfahre weißer Franzosen sieht sich als „Menschenverbinder“ der Insel. Am liebsten, wenn auch nicht oft, verheiratet er Männer und Frauen verschiedener Religionen. Die Liebe erscheint ihm immer noch die beste Voraussetzung, einander zu achten. „Nein, ein ‚melting pot’ sind wir nicht, ein Fruchtsalat hingegen schon“, sagt er. „In einem Schmelztiegel sind alle Zutaten vermischt und jede einzelne nicht mehr auszumachen. In einem Fruchtsalat aber behält jedes Stück seinen Geschmack, seine Textur und Farbe – und wird erst so zur absoluten Gaumenfreude!“

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